Frisch rezensiert: „Rübermachen“ von Ingmar und Juliane Stadelmann

Ein australischer Sittich und die letzten Tage der DDR

Meine Bewertung: ★★★★

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© Verlagsgruppe Droemer Knaur

Mit dem Eingesperrtsein kennt er sich aus: BöRDie, ein australischer Großsittich, den es von Down Under ausgerechnet in die bröckelnde DDR verschlägt. Die Zeiten sind unruhig: Obwohl die Mauer zwar bereits gefallen ist, steht die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten noch aus. Bei Familie Günthersen in Sandelshausen findet BöRDie sein neues Zuhause. Gemeinsam mit Rainer, Hedda, Hanno, Jana und Oma Trudi erlebt der schräge Vogel viele skurrile Abenteuer und den Aufbruch in eine neue Zeitrechnung.

Der Kabarettist und Comedian Ingmar Stadelmann und seine Schwester Juliane haben mit „Rübermachen“ im wahrsten Sinne des Wortes einen „Roman aus der Vogelperspektive“ – so lautet auch der Untertitel – verfasst. Erschienen ist das 272 Seiten starke Buch am 2. Mai 2017 bei der Verlagsgruppe Droemer Knaur. Die Hauptfigur, der Sittich BöRDie, schlüpft in die Rolle des Erzählers. Manchmal kommt er ein wenig selbstverliebt daher, aber sympathisch ist der gefiederte Einwanderer allemal. Seine verwunderten Reaktionen auf die DDR, ihre Bewohner und deren Gepflogenheiten sorgen für einige Lacher. Dabei kommt das Autoren-Duo nicht gänzlich ohne Vorurteile aus. Die in der DDR beliebte Freikörperkultur dehnt das Geschwisterpaar sehr weit, denn Vater Rainer ist Mitglied im Nackt-Kegelclub. Auch die kollektive Ratlosigkeit bei der ersten Begegnung mit einer Artischocke ist bezeichnend. Allerdings führen die Geschwister Stadelmann ihre Protagonisten nicht vor. Sie necken sie eher mit einem liebevollen Augenzwinkern.

Die aufregende Zeit des Umbruchs, die viele Chancen, aber auch eine Menge Ungewisses bereithält, haben die Autoren mit einer unglaublichen Authenzität eingefangen.

Obwohl sich der Humor durch diese Familiengeschichte zieht wie ein roter Faden und sich schmissige Dialoge mit herrlich kuriosen Szenen abwechseln, gibt es auch leisere Töne und mitunter sogar Passagen, die nachdenklich stimmen. Deshalb ist „Rübermachen“ mehr als nur leichte Lesekost zum Zeitvertreib. Mit ihrem heiteren Roman haben Ingmar und Juliane Stadelmann einer ganz besonderen Zeit in der Geschichte Deutschlands ein kleines Denkmal gesetzt.

→ Interessante Links

Zum Buch auf der Homepage des Verlags: „Rübermachen“

Zur Homepage des Autors: Ingmar Stadelmann

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25 Jahre Mauerfall: Meine liebsten Kinderbücher aus Ost und West

An einem Novembertag im Jahr 1981 wurde ich in einer Stadt geboren, die es heute nicht mehr gibt – zumindest dem Namen nach: „Karl-Marx-Stadt“ steht als Geburtsort in meinem Personalausweis. Heute heißt die Stadt wieder so, wie sie bereits vor ihrer Umbenennung 1953 hieß: Chemnitz.

Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, hatte ich gerade meinen 8. Geburtstag gefeiert. Ich erinnere mich an eine bewegte Zeit, vor allem an die aufregenden Montagsdemonstrationen, zu denen mich meine Eltern mitnahmen und die „Stasi raus!“-Rufe der Menge. Was der Mauerfall zu bedeuten hatte, verstand ich nicht so recht. Meine Familie erklärte mir, dass wir von nun an unsere nahe Frankfurt am Main lebenden Verwandten jederzeit besuchen können. Ich begriff.

Und heute, 25 Jahre später, bin ich 33 Jahre alt und schwelge zum Mauerfall-Jubiläum in Erinnerungen. Als passionierter Bücherwurm möchte ich Euch deshalb mit auf eine kleine Zeitreise nehmen und Euch meine liebsten Kinder- und Jugendbücher aus Ost und West vorstellen.

Alfons Zitterbacke (Ost)

Kurz und knapp: „Alfi“ war der Held meiner Kindheit. Ich habe die Geschichten des sympathischen Tollpatschs so sehr geliebt, dass ich mir als Erwachsene unbedingt das Hörspiel zulegen musste. Meine unangefochtene Lieblings-Episode aus dem Buch war und ist übrigens diejenige, in der Alfons Geisterbahn fährt.

Strolchi rettet Haus und Hof (West)

Mein Exemplar, 1984 erschienen, sieht ziemlich ramponiert aus – ein Beleg dafür, dass ich äußerst oft und gern in diesem Buch geblättert habe. Die liebevollen Zeichnungen und die schier atemlose Spannung, die in mir aufkam, als der freche Welpe Strolchi ein Feuer in seinem Wohnhaus bemerkt, machten dieses Werk aus dem Hause Disney zu einem meiner absoluten Lieblinge – bis heute!

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Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt (Ost)

Als gedrucktes Exemplar hat mir die rasante Geschichte so manchen Kindheitstag versüßt – jetzt, im Erwachsenenalter, erfreue ich mich am Hörbuch. Immer dann, wenn sich die Mannschaft der Feuerwehr zur Pause begeben möchte, fordert ein neuer Einsatz die Retter. „Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt“ ist ein sehr kurzweiliges Abenteuer mit faszinierenden Persönlichkeiten wie Oma Eierschecke und Löschmeister Wasserhose.

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Tödliche Sturmflut (West)

Ein Junge aus unserer Westverwandtschaft überließ mir einst dieses Buch – und löste damit wohl meine Vorliebe für Krimis und Thriller aus. Die bedrohliche Atmosphäre hat mich vollkommen in den Bann dieser gruseligen Geschichte geschlagen. Als ich vor wenigen Jahren „Das Nebelhaus“ von Eric Berg las, fühlte ich mich ein wenig an „Tödliche Sturmflut“ erinnert.

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So ein Struwwelpeter (Ost)

Den Struwwelpeter gibt es in zig verschiedenen historischen und modernen Ausführungen. Als Kind der DDR war und ist mein Liebling natürlich der, den Hansgeorg Stengel und Karl Schrader ins Leben gerufen haben. Die Geschichten von der faulen Angelika, der Daumenlutscherin Sybille, dem fernsehkranken Frank und anderen ungezogenen Kindern liebt auch mein 4-jähriger Neffe heiß und innig. Wir schmökern zu gerne gemeinsam in diesem Buch.

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Zum Schluss noch eine Anekdote aus den Anfängen meiner Laufbahn als Vielleserin: Ich bekam das Buch „Trotzkopf“ geschenkt. Hochmotiviert ob des umfangreichen Wälzers begann ich zu lesen – und scheiterte schon in der zweiten Zeile: Dort stand das Wort „ungestüm“. Ich las es etwa zwanzig mal, ohne dass sich mir dessen Bedeutung erschloss. Schließlich wurde ich so wütend, dass ich das Buch in die Ecke gepfeffert habe. Ich muss gestehen: Bis heute steht es ungelesen im Regal. Aber die Filmversion mit Anja Schüte ist sehr sehenswert! 🙂

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Frisch rezensiert: „Das Paradies – Meine Jugend nach der Mauer“ von Andrea Hanna Hünniger

Teils anstrengender Erinnerungs-Platzregen an die Nachwendezeit 

Sterne: 3 von 5

1989, in dem Jahr, als die Berliner Mauer fiel, war Andrea Hanna Hünniger noch nicht mal in der ersten Klasse. Jetzt, 22 Jahre später, berichtet die Autorin aus Weimar in „Das Paradies – Meine Jugend nach der Mauer“ über ihre Kindheit in der Nachwendezeit. Wer sich allerdings auf eine chronologische Abfolge freut, wird genauso enttäuscht sein wie nach der erfolglosen Suche nach dem roten Faden, der das Buch zusammenhält – es gibt beides schlichtweg nicht. Oft im anstrengenden Stil eines trotzigen Kindes geschrieben, reiht Andrea Hanna Hünniger Schachtelsatz an Schachtelsatz und hüpft von einem Gedanken zum nächsten. Ihre Erlebnisse ergießen sich einfach kreuz und quer in einem Platzregen über den Leser. Doch langweilig ist das Buch keinesfalls. Mit ihrer Erzählung rüttelt die Autorin Erinnerungen wach und regt zum Nachdenken an. Aus der interessanten Geschichte hätte man viel mehr machen können – einzig an der Umsetzung hapert es.  Letztlich bin ich zu dem Schluss gekommen, dass man „Das Paradies – Meine Jugend nach der Mauer“ wohl  ein zweites Mal lesen muss, damit sich das Buch einem ganz erschließt.