Veröffentlicht in Meine Rezensionen (außer Vorablesen.de)

Frisch rezensiert: „Willst du Blumen, kauf dir welche“ von Ellen Berg

Humorvolle Abrechnung mit den Tücken des Online-Datings

Meine Bewertung:  ★★★★

© Aufbau Verlag

Lena liebt ihren Kater Dewey, ihre eigene kleine Buchhandlung und die Romane von Jane Austen. In herzergreifenden Büchern findet sie, wonach sie nach einigen Enttäuschungen im echten Leben gar nicht mehr sucht: Romantik und Liebe. Nicht mal der Bestsellerautor Benjamin Floros, den sie zu einer Lesung in ihre Buchhandlung einlädt, kann sie mit seinem Verkaufsschlager „Die ultimative Liebesformel“ davon überzeugen, dass sich die Suche nach Mr. Right lohnen wird. Überhaupt hält Lena Floros für einen Scharlatan – einen gut aussehenden zwar, aber das ändert nichts an ihrer Antipathie für den erfolgsverwöhnten Schriftsteller. Zu dumm nur, dass sie sich nach einer gemeinsam geleerten Flasche Sherry auf eine fatale Wette mit Benjamin einlässt …

Wer humorvolle Bücher mag, kommt an Ellen Berg nicht vorbei. Die Autorin hat bereits sage und schreibe 17 Romane veröffentlicht, die sich hauptsächlich um ein Thema drehen: Die Liebe. Die beleuchtet Ellen Berg in sämtlichen Facetten – und das stets mit viel Humor. In ihrem aktuellen Roman „Willst du Blumen, kauf dir welche – (K)ein Romantik-Roman“ nimmt sie sich den Mysterien des Online-Datings an. Ihrer Hauptfigur Lena wird dabei so einiges abverlangt, denn sie trifft bei ihren Dates größtenteils auf äußerst kauzige Kandidaten. Ellen Berg hat sogar ihre eigenen Erfahrungen aus der Welt der virtuellen Liebe einfließen lassen.

Auch bei Band 17 zeichnet (im Wortsinne!) wieder einmal der Cartoonist Gerhard Glück für die unverwechselbaren Cover der Ellen Berg-Romane verantwortlich.

Obwohl es Bücher gab, in denen Ellen Berg richtiggehende Gag-Feuerwerke zündete und ihr das in ihrem aktuellen Roman nur zuweilen gelingt, ist „Willst du Blumen, kauf dir welche“ dennoch ein äußerst kurzweiliger Roman, der für gute Laune sorgt. Gleichzeitig ist das Buch eine hinreißende Hommage an die Literatur und alle passionierten Leseratten, denn Lena denkt oft in Buchtiteln und geht ganz in ihrer Berufung als Buchhändlerin auf. Ihrem zackigen, wortschatzreichen Schreibstil bleibt Ellen Berg auch in ihrem aktuellen Roman treu. So macht Lesen Spaß!

Die Charaktere sind unverwechselbar und die meisten davon sympathisch. Und obwohl die Geschichte relativ vorhersehbar ist, eignet sie sich dennoch für kurzweilige Stunden auf der heimischen Couch und hilft dabei, den Corona-Blues zu vertreiben.

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Zum Buch auf der Verlagshomepage: „Willst du Blumen, kauf dir welche“

Zum Buch bei Amazon: „Willst du Blumen, kauf dir welche“

Zur Homepage der Autorin: Ellen Berg

Zur Homepage des Cover-Illustrators: Gerhard Glück

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Frisch rezensiert: „Trümmermädchen“ von Lilly Bernstein

Aufwühlender Roman mit eindringlicher Mahnung

Meine Bewertung:  ★★★★

© Ullstein Buchverlage

Anna ist noch ein kleines Mädchen, als ihre Freundin Ruth mitsamt ihrer Familie von heute auf morgen plötzlich verschwindet, ihr geliebter Onkel Matthias zum Kriegsdienst eingezogen wird und sich ihre Heimatstadt Köln mehr und mehr in eine Trümmerwüste verwandelt.

Sie wächst bei ihrer Tante Marie auf und ist von jüngster Kindheit an ein Leben voller Entbehrungen gewöhnt. Hunger, Kälte, Verlust und Mangel sind ihr nur allzu vertraut. Doch aus dem Mädchen wird eine junge Frau, die sich entschlossen gegen die Widrigkeiten des Krieges stemmt, um für die zu sorgen, die ihr am Herzen liegen: ihre Familie und ihre Freunde.

Einfühlsam erzählt Lilly Bernstein in ihrem 512-seitigen Roman „Trümmermädchen – Annas Traum vom Glück“ eine Geschichte, die die Jahre 1941 bis 1947 umspannt. Der unglaublich bildhaften Sprache der Autorin und Journalistin, deren bürgerlicher Name Lioba Werrelmann lautet, ist es zu verdanken, dass man das zerbombte Köln klar vor sich sieht. Mit der Veröffentlichung ist für Lilly Bernstein ein Traum in Erfüllung gegangen und es sei ihr bisher persönlichster Roman, heißt es. Und tatsächlich lässt dieses Buch unschwer erkennen, wie viel Herzblut darin steckt.

Mit großer Liebe zum Detail hat die Autorin an ihren Figuren gefeilt und einen Plot erarbeitet, der manche Überraschungen bereithält – das gilt für die guten ebenso wie für die schlechten.

Die Not, die die Menschen damals litten und die Umstände, unter denen sie leben mussten, sprengen heute jegliche Vorstellungskraft. Aus diesem Grund ist Lilly Bernsteins Buch mehr als ein Roman, sondern zeitgleich eine Mahnung, wie dankbar wir heute für alle Annehmlichkeiten des Alltags, volle Supermarktregale und ein gemütliches Zuhause sein müssen.

Dank vieler Gespräche mit Zeitzeugen und umfangreicher Recherchen gelingt es Lilly Bernstein in ihrem Buch mühelos, die unvorstellbaren Lebensbedingungen von damals in Worte zu fassen und für ihre Leserschaft regelrecht erlebbar zu machen.

„Trümmermädchen“ ist außerdem ein Buch, das Mut macht, denn was Anna und ihre Familie leisten, ist unvorstellbar. Ja, sie hadern, sie sind erschöpft, doch sie kämpfen entschlossen für ihren Traum. Ohne ein paar für meinen Geschmack zu glückliche Zufälle ließe sich der allerdings nicht realisieren.

Dennoch ist „Trümmermädchen“ ein bildgewaltiger Roman, der mit Anna über eine gleichermaßen sympathische wie starke Protagonistin verfügt, die stellvertretend für eine ganze Generation steht, die sich mit bewundernswerter Tatkraft nach dem Krieg dem Wiederaufbau eines ganzen Landes gewidmet hat.

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Zum Buch auf der Homepage des Verlags: „Trümmermädchen“

Zur Homepage der Autorin: Lilly Bernstein alias Lioba Werrelmann

Zum Buch bei vorablesen.de: „Trümmermädchen“

Zum Buch bei Amazon.de: „Trümmermädchen“

Veröffentlicht in Absolute Schätze

Frisch rezensiert: „Falsch erzogen“ von Mona Krassu

Eindringlicher Roman über Zwangsdiziplinierung junger Frauen in der DDR

Meine Bewertung:  ★★★★★

© Edition Outbird

Solveig ist ein ganz normales Mädchen, das in der DDR aufwächst. Vater, Mutter, Schwester – ein bürgerliches Leben durch und durch. Und doch spürt sie, dass sie anders ist. Dass sie raus will aus diesem engen, spießigen Korsett. Allerdings wird dieser Drang nach Freiheit für Solveig einschneidende Folgen haben …

Die in Gera lebende Autorin Mona Krassu verleiht ihrer Protagonistin in einer beeindruckenden Mischung aus kindlicher Naivität und Unsicherheit eine Stimme. Kurze, prägnante Sätze dominieren den ersten Teil der Geschichte, in denen man die vielen Fragezeichen, die sich bei Solveig auftun, wenn sie es mit der Welt der Erwachsenen zu tun hat, förmlich fühlt. Mona Krassu macht mit Worten die Einsamkeit eines Kindes spürbar, das auf seine Fragen keine Antworten erhält. Gewalt und das Einschließen sind für die genervten Eltern probate Mittel zur Bestrafung und haarsträubende Methoden zugleich, um sich Ruhe vor Solveigs neugierigen Fragen zu verschaffen. Zu ihrem Vater hat sie ein ambivalentes Verhältnis. Solveig muss auf seine Anweisung hin Schnaps trinken. Außerdem schlägt er sie. Im Verlauf der Geschichte wird der Ton harscher und ihre Eltern nennt Solveig fortan nicht mehr „Mutti“ und „Paps“, sondern merklich distanzierter „Mutter“ und „Vater“.

Der zweite Teil handelt von Solveigs Entwicklung vom Mädchen zur Frau. Das spiegelt sich auch sprachlich wider. Die kindliche Logik wird abgelöst von der Genugtuung, auf viele Fragen endlich Antworten zu erhalten. Solveig rebelliert, reißt aus und schwänzt die Schule. Die Ehe der Eltern zerbricht. Währenddessen sucht Solveig Halt bei Männern und verliebt sich unglücklich. Sie hört Westmusik, bastelt sich ein Armband mit Udo Lindenbergs Namen und läuft immer öfter davon.

All das ist Hartmut, dem neuen Lebensgefährten der Mutter, ein Dorn im Auge. Noch ahnt Solveig nicht, dass Hartmut als treu ergebener Diener des Regimes die Macht hat, das unangepasste Mädchen von der Bildfläche verschwinden zu lassen.

Mona Krassu blickt in ihrem 454 Seiten starken Roman „Falsch erzogen“ hinter die sorgfältig verschlossenen Türen der einstigen sogenannten „Tripperburgen“ in der DDR. Das waren geschlossene Krankenanstalten, in denen offiziell junge Frauen mit Geschlechtskrankheiten behandelt werden sollten, die in Wahrheit jedoch dazu dienten, aufmüpfige Mädchen und Frauen zu bestrafen und zu disziplinieren.

Es ist unschwer zu erkennen, dass die Autorin ehrgeizig und detailliert für ihren Roman recherchiert hat. Sie hat Gespräche mit Zeitzeuginnen geführt und Sachbücher zu diesem Thema studiert.

Mit „Falsch erzogen“ wurde von Mona Krassu ein mutiges Buch geschrieben, das sich mit seinen starken Figuren und dem eindringlichen Schreibstil wie ein Pfeil direkt ins Herz bohrt und lange im Kopf bleibt.

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Zum Buch auf der Homepage des Verlags: „Falsch erzogen“

Zum Buch bei Amazon.de: „Falsch erzogen“

 

Veröffentlicht in Absolute Schätze, Meine Rezensionen (außer Vorablesen.de)

Frisch rezensiert: „An Liebe stirbst du nicht“ von Géraldine Dalban-Moreynas

Aufwühlendes Romandebüt aus Frankreich

Meine Bewertung:  ★★★★

© Nagel & Kimche

„Es gibt Geschichten, an deren Anfang man sich das Ende einfach nicht vorstellen kann.“

(Zitat aus dem Buch, Seite 181)

Ob sich Elle und O., die beiden Protagonisten in Géraldine Dalban-Moreynas‘ Debütroman „An Liebe stirbst du nicht“, zu Beginn ihrer Amour fou überhaupt ein Ende vorstellen können, darf bezweifelt werden. Unversehens stürzen sich die beiden neuen Nachbarn, die bislang bequeme und unaufgeregte Leben führten, in eine Affäre. Die Anziehung zwischen den beiden ist einfach zu groß. Ihre Treffen häufen sich bald ebenso wie die Lügen, die sie ihren jeweiligen Partnern auftischen, um sich ein paar gemeinsame Stunden zu stehlen. Über Elle und O. erfährt man nicht viel, nur dass sie beide Anfang 30 sind, er Anwalt und sie Journalistin ist, beide vergeben sind, und in Paris leben. Und doch lernt man als Leser schon beizeiten das verletzliche Innenleben des heimlichen Paares kennen, ihre Träume und ihre Wünsche.

Sie wagen einen Tanz auf dem Drahtseil, können jeden Moment abstürzen und ins Bodenlose fallen. Die Autorin beschreibt mit präzisem Blick die Achterbahn der Gefühle, in der die beiden sich befinden. Schon nach kurzer Zeit wird klar: Es ist Liebe, sie ist tief und wahrhaftig. Doch haben Elle und O. eine gemeinsame Perspektive? O. hat eine Tochter, die noch keine zwei Jahre alt ist. Seine Frau könnte er verlassen, seine Tochter jedoch nicht. So hadern die beiden Teilzeitliebenden (Seite 65), die nichts mehr wollen als zusammen zu sein, mit den Umständen, die genau das verhindern.

„Zum Glücklichsein braucht man Mut.“

(Zitat aus dem Buch, Seite 113)

Doch dieser Mut fehlt vor allem O. Als neutrale Beobachterin führt die Autorin Buch über den Verlauf einer heimlichen Liebe, die so unmöglich wie alles verschlingend ist.

Die Kapitel sind kurz, sie geben auch einige der zahllosen SMS und E-Mails wieder, die sich Elle und O. schicken. Trotz des nüchternen Erzählstils von Dalban-Moreynas, der wohl am ehesten mit „auf den Punkt gebracht“ umschrieben werden kann, schwingt eine feine Melodie in ihren Worten mit. Am Ende war mein Exemplar des Buchs mit unzähligen bunten Klebe-Fähnchen übersät, weil es so viele Zitate, so viele Momente gab, die mich ganz besonders berührt haben, sodass ich schon gefragt wurde: „Liest du oder bastelst du?“

Dieser Roman hat eine unglaubliche Wucht, und auf nur 192 Seiten erzählt die Autorin eine Geschichte, wie sie tagtäglich geschieht, und die doch einzigartig ist. Die Intensität der Gefühle tut beim Lesen fast schon körperlich weh. Als Leser wird man mitgerissen in diesen Abgrund, an dessen Rand Elle und O. tanzen, und sehenden Auges in ihr Unglück rennen. Man leidet mit den beiden, fragt sich, wie wohl das Ende aussehen wird. Der Weg dorthin kann es in puncto Spannung mühelos mit jedem guten Thriller aufnehmen. Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt – was wird am Ende überwiegen?

Chapeau! Géraldine Dalban-Moreynas hat mit ihrem Debütroman wirklich ein grandioses Stück Literatur geschaffen!

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Zum Buch auf der Verlagshomepage: „An Liebe stirbst du nicht“ 

Zum Instagram-Account der Autorin: Géraldine Dalban-Moreynas

Zum Buch bei Amazon: „An Liebe stirbst Du nicht“

Veröffentlicht in Meine Vorablesen.de-Rezensionen

Frisch rezensiert: „Die Weihnachtsgeschwister“ von Alexa Hennig von Lange

Unterhaltsame Familiengeschichte ohne Kitsch

Meine Bewertung:  ★★★★

Obwohl die letzten Weihnachtsplätzchen längst vernascht sind und die Weihnachtsdekoration wieder in Kisten und Kästen verstaut ist, möchte ich Euch heute auf ein Buch aufmerksam machen, das mich durch die Adventszeit begleitet hat: „Die Weihnachtsgeschwister“ von Alexa Hennig von Lange. In diesem gerade einmal 144 Seiten starken Büchlein dreht sich alles um die drei Geschwister Tamara, Elisabeth und Ingmar. Längst ihren Kinderschuhen entwachsen, kehren sie Jahr für Jahr zurück in ihr Elternhaus, um in Familie das Weihnachtsfest zu feiern. Richtig Lust darauf hat allerdings niemand von den dreien. Die Bande der Kindheit zwischen den Geschwistern sind zerrissen und man geht sich lieber aus dem Weg. Doch dieses Weihnachten geschieht etwas, das Tamara, Elisabeth und Ingmar unversehens in ihre Kindheitstage zurückkatapultiert. Ob es allerdings auch ein weihnachtliches Happy End gibt, wird hier natürlich nicht verraten.

Alexa Hennig von Lange ist längst keine Unbekannte mehr in der zeitgenössischen Literatur. Vor allem als Autorin erfolgreicher Kinder- und Jugendbücher hat sich die 1973 in Hannover geborene Autorin einen Namen gemacht. Am 1. Oktober 2019 erschien mit „Die Weihnachtsgeschwister“ ihr neuester Roman im DuMont Buchverlag. Nicht nur seiner hübschen Aufmachung wegen ist dieses Buch eine tolle Geschenkidee, sondern vor allem natürlich aufgrund seines Inhalts.

Die Autorin schaut mit messerscharfem Blick hinter die Masken der Geschwister und entlarvt schonungslos deren Ängste und Unsicherheiten, die sich hinter vermeintlicher Arroganz oder Besserwisserei verbergen. Tamara, Elisabeth und Ingmar sind drei ebenso unterschiedliche wie stark dargestellte Charaktere. Authentische Dialoge und geschickt platzierter Humor machen „Die Weihnachtsgeschwister“ zu einer absolut unterhaltsamen Lektüre. An manchen Stellen geht es auch ein bisschen wehmütig zu, aber Alexa Hennig von Lange driftet zu keinem Zeitpunkt ins Kitschige ab. Der Balanceakt zwischen Tiefgang und Unterhaltung gelingt der Autorin spielend. Sie schreibt so anschaulich, dass man das Geschehen wie in einem Film vor sich ablaufen sieht.

Ein wirklich tolles Buch – und das nicht nur zur Weihnachtszeit!

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Zum Buch auf der Homepage des Verlags: „Die Weihnachtsgeschwister“

Zum Buch auf vorablesen.de: „Die Weihnachtsgeschwister“

Zur Homepage der Autorin: Alexa Hennig von Lange

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Frisch rezensiert: „Geister“ von Pia Lüddecke

Spannender Stilmix mit Gruselfaktor 

© Edition Outbird

Meine Bewertung:  ★★★★

Eins gleich vorweg: Fantasy ist ein Genre, das ich bisher immer mit spitzen Fingern angefasst habe. Dann kam ich (als wahrscheinlich letzter Mensch dieser Erde!) auf Harry Potter und begeisterte mich prompt dafür. Vielleicht hat mich das ja ein bisschen zugänglicher gemacht für diese Art von Literatur. Jedenfalls war ich wild entschlossen, mich auf das Experiment „Geister“ von Pia Lüddecke einzulassen. Denn ihr Roman, der am 13. September 2019 bei Edition Outbird, einem Imprint des Telescope Verlags, erschienen ist, vereint verschiedenste Arten der Belletristik miteinander – und trägt auch einen Teil Fantasy in sich.

Im Mittelpunkt des 342 Seiten starken Buchs steht Tomas, von allen nur Tom genannt. Er ist ein ganz normaler, ja sogar unauffälliger Junge, der seine Tage am liebsten mit alten Gruselschockern verbringt. Als er 1999 mit seinen Eltern und seiner großen Schwester ins Ruhrgebiet zieht, lernt er Juri kennen. In seiner Klasse ist Juri ein Außenseiter, denn er lebt in einer heruntergekommenen Villa gegenüber von Toms Elternhaus, trägt seltsame Klamotten und riecht nach Mottenkiste. Trotzdem freundet sich Tom mit ihm an – aber was er gemeinsam mit Juri erlebt, verändert sein Leben für immer …

Der Germanistin Pia Lüddecke ist mit ihrem Roman „Geister“ ein echter Stilmix gelungen. Coming of Age, Horror, Fantasy, Abenteuer – da ist für jeden Lesegeschmack etwas dabei. Der Verlag bezeichnet „Geister“ auf der Buchrückseite als „Schauerroman in der Tradition der Schwarzen Romantik“ – sehr treffend, wie ich finde. Denn eine geheimnisvolle, dunkle Aura liegt über dieser Geschichte, die den Leser sofort zum Miterleben einlädt und schon von der ersten Seite an einfängt. Die Story beginnt harmlos, doch nach und nach offenbaren sich finstere Geheimnisse. Kontinuierlich steigert die Autorin die Spannung und hält den Leser somit bei der Stange. Denn natürlich möchte man wissen, was wohl als Nächstes um die Ecke kommt. Beim Finale wurde es für meinen Geschmack dann ein wenig verwirrend, aber das kann der spannenden Erzählweise Pia Lüddeckes nichts anhaben. Ihre Art zu schreiben könnte man als „poetisch-pointiert“ bezeichnen. Sie erschafft mit Worten üppige, dreidimensionale Bilder, kommt dabei aber vollständig ohne langatmige Ausschweifungen aus. Und es wird an einigen Stellen richtig gruselig!

Ihre Figuren hat Pia Lüddecke mit spürbar viel Liebe zum Leben erweckt. Man kann gar nicht anders, als den Sonderling Juri ins Herz zu schließen – Mottenkiste hin oder her.

Fazit: „Geister“ ist ein hervorragend geschriebener Roman, mit dem man dem Alltag entfliehen kann. Diese Geschichte vereint das gleichförmige, alltägliche Leben eines Teenagers mit dem Unbekannten, dem Übersinnlichen – und ist wahrscheinlich genau deshalb so spannend!

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Zum Buch auf der Homepage des Verlags: „Geister“

Zur Homepage der Autorin: Pia Lüddecke

Zum Buchtrailer: „Geister“

Zur illustrierten Hörprobe: „Geister“

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Frisch rezensiert: „Lilian“ von Susanne Agnes Fauser (MIT GEWINNSPIEL!)

Nichts für Zwischendurch, aber dafür Lesegenuss pur!

© Edition Outbird

Meine Bewertung:  ★★★★

Ben wächst in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Doch als er zwanzig ist, wird sein Leben vollkommen auf den Kopf gestellt. Denn er ist nicht der, der er zu sein glaubt. Gemeinsam mit seiner Freundin Kim begibt er sich auf Spurensuche und erfährt mehr und mehr Schockierendes über seine eigene Vergangenheit, je tiefer die beiden graben. Dabei stoßen Kim und Ben auch auf zwei Mordfälle, die bis heute nicht geklärt sind. Schon bald wird ihnen klar, dass sie sich dadurch selbst in tödliche Gefahr begeben …

„Lilian“ von Susanne Agnes Fauser ist ein Buch, das sich nur schwer in ein Genre pressen lässt. Die Geschichte selbst mutet an wie ein Kriminalroman, doch dieser Roman birgt etliches mehr zwischen den Buchdeckeln. Viel Mystisches, Gruseliges und Dunkles hat die Autorin in die 290 Buchseiten umfassende Story eingeflochten. Es geht um Gefühle, um bedingungslose Liebe und um den Tod.

Ich muss ehrlich gestehen, dass das Cover allein mich nicht zum Lesen dieses Buches animiert hätte. Zu schnell wäre es nach einem flüchtigen Blick darauf von mir in die Fantasy-Ecke einsortiert und deshalb nie gelesen worden. Wie schade wäre das gewesen, denn ich hätte dadurch ein echtes Juwel verpasst! Im Fall von „Lilian“ gilt deshalb: “Don’t judge a book by its cover!“

Die Hauptfigur, deren Name titelgebend für das Buch war, ist eine faszinierende Frau irgendwo zwischen vierzig und fünfzig, die als Heilkundige und Lyrikerin auf einem Hausboot in Edinburgh lebt. Lilian ist eine Künstlerseele durch und durch, der das Schicksal mehrmals übel mitgespielt hat. Eine geheimnisvolle Aura umgibt Susanne Agnes Fausers Hauptfigur, die innerlich vor lauter Emotionen brodelt und dennoch nach außen eine kühle Distanziertheit ausstrahlt.

Lilian und Ben sind die beiden Erzählstimmen des Buches und kommen abwechselnd zu Wort. Dabei wird deutlich, in welchen unterschiedlichen Welten Lilian und Ben leben. Ben, der praktisch veranlagte Typ, fast noch ein Junge, und Lilian, eine starke, aber sensible Frau, die die Feinstofflichkeit des Lebens förmlich in sich aufsaugt.

Die sprachliche Schönheit dieses Romans ist absolut atemberaubend. Der Autorin, die unter anderem als Psychotherapeutin und schamanische Heilerin tätig ist, gelingt es spielend, Bilder in den kraftvollsten Farben im Kopf des Lesers entstehen zu lassen. Für zusätzliche Dramatik und Melancholie sorgen Gedichte von William Blake und Rainer Maria Rilke.

Auf jeden Fall ist dieses Buch nichts für zwischendurch, insbesondere, wenn Lilian ihren Gedanken nachhängt und ins Philosophische abdriftet. Dann sollte man schon konzentriert bei der Sache bleiben, um den roten Faden nicht zu verlieren. „Lilian“ ist eben ein Buch zum Genießen, eins, dessen einzigartige Atmosphäre man Stück für Stück auskosten sollte.

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Zum Buch auf der Homepage des Verlags: „Lilian“

Zum Buch bei Amazon.de: „Lilian“

Zur Homepage der Autorin: Susanne Agnes Fauser

GEWINNSPIEL

Damit auch Ihr in den Genuss dieses einzigartigen Romans kommen könnt, habt Ihr jetzt die Chance, ein druckfrisches und nagelneues Exemplar von „Lilian“ zu gewinnen. Danke an dieser Stelle an die Edition Outbird!

Wie könnt Ihr am Gewinnspiel teilnehmen?

Indem Ihr im Gewinnspielformular ganz unten die Frage möglichst richtig beantwortet, Euren Namen und Eure E-Mail-Adresse eintragt und das Ganze absendet.

Teilnahmebedingungen

1. Verlost wird ein Exemplar des Romans „Lilian“ von Susanne Agnes Fauser, nagelneu und ungelesen.

2. Die Verlosung läuft im Zeitraum vom 21. August bis zum 10. September 2019, 24:00 Uhr. Zum Teilnehmen muss das untenstehende Formular vollständig ausgefüllt und abgeschickt werden. Der/die Gewinner/in wird am 11. September 2019 aus allen fristgerecht eingegangenen Einsendungen mit der richtigen Antwort per Losverfahren ermittelt und dessen/deren Name hier bekanntgegeben. Mit dem Absenden des Formulars erklärt sich der/die Teilnehmer/in damit einverstanden, dass sein/ihr vollständiger Name im Gewinnfall hier veröffentlicht werden darf.

3. Mitmachen kann jede/r mit Hauptwohnsitz in Deutschland, der/die mindestens 18 Jahre alt ist. Mit dem Abschicken des Formulars bestätigt Ihr, dass Ihr volljährig seid.

4. Keine Barauszahlung möglich.

5. Keine Haftung, falls der Gewinn auf dem Postweg verloren geht.

6. Bitte nur 1 x mitmachen! Mehrfachteilnehmer/innen werden disqualifiziert.

7. Ihr müsst zur Teilnahme nicht zwingend meinem Blog folgen. Ich freue mich aber selbstverständlich immer über neue Follower meines Blogs, meines Twitter– und meines Instagram-Accounts.

8. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

9. Eure Daten werden ausschließlich im Rahmen der Verlosung verwendet und NICHT weitergegeben. Nach erfolgter Auslosung werden die Daten gelöscht.

Jetzt teilnehmen!

Veröffentlicht in Meine Rezensionen (außer Vorablesen.de)

Frisch rezensiert: „Das Mädchen aus der 1. Reihe“ von Jana Crämer

Wenn die Seele Hunger hat …

Das Mädchen aus der ersten Reihe© hockebooks

Meine Bewertung:  ★★★

Lea steht kurz vor dem Abitur, aber das ist längst nicht ihre größte Sorge. Denn ihre Gedanken drehen sich hauptsächlich um zwei Dinge: Essen und die Coverband „Joyning“, deren größter Fan sie ist. Obwohl Lea bedingt durch ihre Essstörung unter hohem Übergewicht leidet und sie sich eigentlich am liebsten im Schutz der eigenen vier Wände verkrümeln würde, gelingt es ihr nur bei den Konzerten ihrer Lieblingsband, all die Demütigungen und Ängste, die sie begleiten, zu vergessen. Besonders nah fühlt sie sich Ben, dem gut aussehenden und heftig umschwärmten Sänger von „Joyning“. Auch ihm liegt eine ganze Menge an Lea. Wird sich durch ihn für sie alles zum Guten wenden? Das erfährt man erst nach der Lektüre des 280-seitigen Taschenbuchs, das als unzensierte und überarbeitete Neuausgabe am 11. März 2019 bei hockebooks erschienen ist. Natürlich werde ich hier kein Fitzelchen vom Ende der Geschichte verraten!

Wenn ich „Das Mädchen aus der 1. Reihe“ mit nur einem Wort beschreiben sollte, dann würde „unrealistisch“ meine Meinung wohl am besten widerspiegeln. Auf der einen Seite haben wir Ben, den Sänger der Band. Er ist Anfang 30 und hat laut Lea, aus deren Sicht diese Geschichte erzählt wird, ein absolut makelloses Aussehen. Zahllose weibliche Fans in Minirock und High Heels warten nach den Konzerten am Bühnenrand auf ihn. Andererseits ist da Lea, die sich wegen ihres massiven Übergewichts kaum unter die Leute traut und nur wenig Selbstwertgefühl hat, dafür aber durch ihre Essstörung, die Alkoholsucht ihres Vaters und die Trennung ihrer Eltern ein ganzes Bündel voller Probleme mit sich herumschleppt.

Ja, das klingt ein wenig nach Aschenputtel – und ähnlich märchenhaft geht es tatsächlich zu, wenn Ben sämtliche weiblichen Fans beim Gig links liegen lässt und nur Augen für Lea hat. Vor versammeltem Publikum macht er an Lea gerichtete, überschwängliche Ansagen, die ihr die Schamesröte ins Gesicht treiben. Mir ist bewusst, dass es sich um einen Roman und nicht um einen Tatsachenbericht handelt, aber das ist selbst für belletristische Verhältnisse unglaubwürdig. Ich nehme es der Autorin einfach nicht ab, dass sich ein angehender Rockstar ausgerechnet brennend für eine Person interessiert, die als graue Maus im Grunde unsichtbar ist. Und natürlich ist er auch als rettender Engel zur Stelle, wenn es eng für Lea wird. Deshalb halte ich den Plot, der die Beziehung von Lea und Ben betrifft, für unglaubwürdig.

Jana Crämer stellt ihre Protagonistin dafür mit sehr viel Einfühlungsvermögen -wenngleich auch mit ungeschönten Worten – dar. Leas Selbsthass transportiert sie sehr deutlich, ebenso wie die psychologischen Hintergründe der Binge Eating-Störung eingehend beleuchtet werden. Das hat mich sehr berührt.

Sicherlich kann Jana Crämer dahingehend auf eigene schmerzvolle Erfahrungen zurückgreifen, denn die im Ruhrgebiet lebende Autorin wog selbst einmal 180 Kilo, hat ihr Gewicht aber inzwischen erfolgreich halbiert. Darüber berichtet sie auf ihrem Blog www.endlich-ich.com. Wenn man dort stöbert, erkennt man, dass „Das Mädchen aus der 1. Reihe“ einige biografische Bezüge zum Leben der Autorin herstellt – nicht nur, was die Essstörung betrifft, sondern auch die Alkoholabhängigkeit ihres eigenen Vaters.

Alles in allem hat mich persönlich dieses Buch nicht vollständig packen können. Den vielen frenetischen Rezensionen, die es zu „Das Mädchen in der 1. Reihe“ gibt, kann ich mich also nicht anschließen. Trotz des flüssigen Schreibstils empfand ich es zum Beispiel als anstrengend, dass sich Lea und ihre beste Freundin ständig mit „Maus“ und „Süße“ ansprechen – von der Songauswahl der Coverband mal ganz zu schweigen. Hören 18-Jährige heutzutage wirklich noch Sting und Billy Idol?

Wichtig und lobenswert ist allerdings die Tatsache, dass Jana Crämer mit ihrem Buch der Binge-Eating-Störung eine Plattform gibt. In vielen Schulen hat sie „Das Mädchen aus der 1. Reihe“ schon vorgestellt und ihre Zuhörerschaft für diese Thematik sensibilisiert. Mein Fazit deshalb: Ein Buch zu einem bedeutsamen Thema, das leider nur mäßig umgesetzt wurde.

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Zum Buch bei Amazon.de: „Das Mädchen aus der 1. Reihe“

Zum Buch auf der Homepage des Verlags: „Das Mädchen aus der 1. Reihe“

Zum Blog der Autorin: Jana Crämer

Veröffentlicht in Absolute Schätze

Frisch rezensiert: „Die Liebe im Ernstfall“ von Daniela Krien

Worte wie Zartbitterschokolade

Copyright: Diogenes

Meine Bewertung:  ★★★★★

Nach fast acht Jahren des Wartens ist es heute so weit: Mit „Die Liebe im Ernstfall“ erscheint endlich ein neuer Roman von Daniela Krien!

Von ihrem 2011 veröffentlichten Debüt „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ war ich hingerissen. Im Jahr 2014 erschien der Kurzgeschichtenband „Muldental“ ebenso wie ihr Erstling im Graf Verlag.

Nun hat das Schweizer Verlagshaus Diogenes das meisterhafte Schreibtalent von Daniela Krien erkannt und ihrem Buch „Die Liebe im Ernstfall“ eine Heimat gegeben. Die Autorin lebt in Leipzig. Dort hat sie auch die Handlung ihres Romans angesiedelt.

Die Erzählung dreht sich um fünf Frauen, die teilweise miteinander befreundet sind, teilweise aber auch erbitterte Konkurrentinnen. Wer meint, „Die Liebe im Ernstfall“ sei ein heiterer Frauenroman zum Zeitvertreib, der irrt sich. Dieser Roman besticht durch seine schmerzhafte Ehrlichkeit und Tiefgang.  Daniela Krien genügt der Blick durchs Schlüsselloch nicht – sie lotet ihre Protagonistinnen aus und schaut ihnen in die Winkel ihrer Seele. Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde sind fünf interessante Frauen, die in ihrem Leben viel Schönes, aber auch Verletzungen und Brüche erfahren haben. Jede Frau, die uns im Alltag auf der Straße begegnet, könnte eine von ihnen sein. Die Autorin erzählt wortgewaltig von den Kämpfen, die jede dieser Frauen ausfechten muss – und auf welche Weise sie das tun. Liebe, Beziehungen und Sexualität sind die zentralen Themen der Geschichte. Die rosarote Brille jedoch nimmt Daniela Krien ihren stillen Heldinnen beizeiten ab. Jeder der fünf Frauen widmet die Autorin ihr eigenes Kapitel. Insofern handelt es sich um fünf einzelne Erzählungen, die allerdings alle miteinander verbunden sind, denn die Lebenswege von Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde kreuzen sich – die einen eher, die anderen später. 

Das, was Daniela Kriens Bücher für mich so besonders macht, ist ihr einzigartiger Schreibstil, den sie auch in ihrem aktuellen Roman einmal mehr eindrucksvoll unter Beweis stellt. Ihre Worte sind wie Zartbitterschokolade – vollmundig, kräftig und ein wenig herb. Die Sinnlichkeit, mit denen Daniela Krien sprachlich ihre Bilder malt, ist mir in dieser Form bisher bei keinem Autor und keiner Autorin begegnet.

Die 288 Seiten dieses Buches sind ein echter Hochgenuss. Nichts für Zwischendurch, sondern – aller Schmerzhaftigkeit zum Trotz – zum Genießen.

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Zum Buch auf der Homepage des Verlags: „Die Liebe im Ernstfall“

Zum Buch auf vorablesen.de: „Die Liebe im Ernstfall“

→ Bibliografisches

Erscheinungsdatum: 27.02.2019
ISBN: 978-3-257-07053-8
Preis: 22,00 EUR (Hardcover, Leinen)

Veröffentlicht in Brandneu! - Rezensionen am Erscheinungstag

Frisch rezensiert: „Die Leben danach“ von Thomas Pierce

Was kommt nach dem Tod?

Meine Bewertung:  ★★★★


© DUMONT Buchverlag

Jim Byrd ist ein ganz gewöhnlicher Mann mit einer ungewöhnlichen Geschichte: Er war schon einmal tot. Nur für wenige Augenblicke zwar, nämlich als er im Parkhaus nach einer „Fehlzündung“ seines Herzens regungslos aufgefunden wurde – aber tot ist schließlich tot, oder? Seitdem treibt ihn die Frage um, was uns Menschen nach dem Tod erwartet. Gesehen hat Jim während seines vorübergehenden Ablebens nämlich nichts: weder gleißendes Licht noch seine Ahnen, die ihn an der Himmelspforte begrüßten. Eifrig begibt er sich auf die Suche nach dem großen „Danach“.

Ich war gespannt, welche Art von Geschichte mich zwischen den Buchdeckeln des Romans „Die Leben danach“ erwarten würde. Eine schwermütige Betrachtung des Lebens und vor allem des Sterbens? Eine Abhandlung aus wissenschaftlicher Sicht? Oder eine launige Story, die der Thematik mit Humor begegnet? Die Antwort lautet: eine gelungene Mischung aus allem. Der US-amerikanische Autor Thomas Pierce vereint in seinem Debütroman, dessen Originaltitel „The Afterlives“ lautet, all diese Elemente miteinander.

Für seinen Titelhelden Jim Byrd hegt man von Beginn an große Sympathie. Man kann gar nicht anders, als den kleinstädtischen Kreditberater zu mögen. Dieser Durchschnittstyp steht stellvertretend für den Otto Normalverbraucher, der mit dem klassischen Nine-to-five-Job ein geregeltes Leben in relativ vorgezeichneten Bahnen führt und sich irgendwann unweigerlich fragt: Was passiert eigentlich nach diesem Leben? Kommt da noch was?

Jim tut das auf ganz unterschiedliche Weise: Er befragt ein Medium, schließt sich der Kirche der Suchenden an, wandelt auf den Spuren von ruhelosen Seelen und ist nahezu besessen von der Wiedervereinigungsmaschine, mit der eine Wissenschaftlerin für Erstaunen sorgt.

Ich gebe zu, dass besonders die Erwähnung der Geister in der Buchbeschreibung mein Interesse geweckt hat. Thomas Pierce hat sich dafür das Ehepaar Lennox ausgedacht, das vor vielen Jahren just in dem Haus lebte, in dem Jim seine Jugendliebe Annie wiedertrifft, und das einst auf tragische Weise den Tod fand. Eine Geschichte in der Geschichte also, die parallel zu Jims Erlebnissen erzählt wird. Mit der wissenschaftlichen Betrachtungsweise des Todes, der im Buch eine große Rolle zukommt, wurde ich dagegen nicht warm – zu futuristisch und zu fantastisch erschien mir die Welt der Hologramme und der Kryonik.

Obwohl auch der Humor in „Die Leben danach“ nicht zu kurz kommt, zieht Thomas Pierce das Thema Tod nie ins Lächerliche. Er geht stellenweise allerdings wohltuend unbefangen damit um und rückt eher die Neugier denn die Angst in den Vordergrund. Und für diese Betrachtungsweise hätte er sich keinen besseren Protagonisten als den liebenswerten Jim Byrd ersinnen können.

„Die Leben danach“ ist wunderbar geschrieben, treffend, bildhaft, pointiert, mit lebendigen Dialogen. Das ist ohne Frage auch ein Verdienst des Übersetzers Tino Hanekamp. Doch dieses Buch hat mich über 400 Seiten hinweg nicht einfach nur hervorragend unterhalten – es hat mich auch bis ins Mark gepackt und ins Grübeln gebracht: Was mag nach dem Tod geschehen? Woran glaube ich? Mit dem Zuklappen des Buchs war also für mich noch nicht Schluss. Und womöglich war genau das eine der Absichten des 1982 geborenen Autors: die Leser dazu anzuregen, sich mit dem tabubehafteten Thema Tod zu beschäftigen.


Zitiert

„Das war schon immer das Ende der Geschichte gewesen, nur dass es noch niemand von uns gewusst hatte.“

Jim Byrd über den Tod seines Vaters, Seite 265


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Bibliografisches

Erscheinungsdatum: 18.02.2019 
ISBN: 978-3-8321-9893-0
Preis: 24,00 EUR (Hardcover, gebunden mit Lesebändchen und Schutzumschlag)