Frisch rezensiert: „Lost Boy“ von Johannes Groschupf

Leider nicht so packend wie der erste Teil

Meine Bewertung: ★★★

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© Oetinger Taschenbuch

Die Faszination für Lost Places, also Orte, die dem Verfall preisgegeben sind, ist ungebrochen. Unzählige Urban Explorer erkunden verlassene Krankenhäuser und Betriebe und veröffentlichen teils atemberaubende Bilder im Netz. Der in Berlin lebende Autor Johannes Groschupf hat seinen Jugendroman „Lost Places“ genau in diese Umgebung eingebettet: Die Freunde Lennart, Kaya, Moe, Chris und Steven machen in einer Fabrikruine eine fürchterliche Entdeckung.

Im zweiten Teil „Lost Boy“, der am 13. Januar 2017 bei Oetinger Taschenbuch erschienen ist, verlegt Johannes Groschupf das Setting in den Berliner Untergrund: stillgelegte U-Bahnhöfe und verwaiste Gleise bilden den Rahmen für die Handlung seines aktuellen Jugendromans. In dem gibt es ein Wiedersehen mit alten Bekannten aus „Lost Places“.

Worum geht es in „Lost Boy“? Lennart wacht auf einem Bahnsteig in Hamburg auf und kann sich an nichts mehr erinnern, nicht einmal  an seinen Namen. Nach und nach sickern bruchstückhafte Erinnerungen in sein Bewusstsein. Eines Tages kommt er schließlich zurück in seine Heimatstadt Berlin. Aus einem Grund, den er nicht kennt, ist ihm der berühmte Underground-DJ Bulgur auf den Fersen. Lennart befindet sich in großer Gefahr …

Johannes Groschupf hat mich mit „Lost Places“ absolut begeistern können. Deshalb habe ich die Fortsetzung „Lost Boy“ mit Spannung erwartet. Die Kulisse in „Lost Boy“ ist wieder einmal etwas ganz Besonderes. Die düstere Atmosphäre der verlassenen U-Bahn-Schächte beschreibt Johannes Groschupf eindrucksvoll. Als Leser hat man absolut keine Probleme damit, sich diese Parallelwelt unter den Straßen Berlins vorzustellen.

Mysteriös und spannend ist die Geschichte von Lennart. Der Nebel um das, was passierte, bevor Lennart ohne Erinnerungen in Hamburg aufwachte, lichtet sich sowohl für die Hauptfigur des Romans als auch für den Leser nur Stück für Stück.

Allerdings konnte mich die Story von „Lost Boy“ nicht so packen wie die des Vorgängers „Lost Places“. So manche Handlung erschien mir außerdem ziemlich unlogisch. Da wird beispielsweise Lennarts Freundin Jule entführt. Anstatt nach ihr zu suchen, gibt er sich erst einmal in aller Ruhe der Musik in einer Disko hin. Auch die Figuren wirkten auf mich im Vergleich zu Teil eins platter und weniger charismatisch.

Deshalb setze ich große Hoffnungen auf den Nachfolger „Lost Girl“, der am 1. September 2017 bei Oetinger Taschenbuch veröffentlicht wird.

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Zum Buch auf der Homepage des Verlags: „Lost Boy“

Zum Buchtrailer: „Lost Boy“

Frisch rezensiert: „Fuckin Sushi“ von Marc Degens

Weltfrieden und Dosenbier: Originelle Geschichte über eine aufstrebende Band

Meine Bewertung: ★★★★★

„Das Bonner Nachtleben […] findet am Hauptbahnhof an Gleis 1 statt. Von da fahren die Züge nach Köln.“ („Fuckin Sushi“, Seite 2:67) Eine Liebeserklärung an die ehemalige Bundeshauptstadt klingt anders. Dennoch spiegelt diese Aussage ziemlich genau das wieder, was Niels Dannenfeld – gemeinsam mit seinen Eltern frisch aus dem Ruhrpott an den Rhein gezogen – von seiner neuen Heimat hält: Nämlich nicht übermäßig viel. Bewegung in sein tristes Schülerdasein kommt erst, als er gemeinsam mit seinem Kumpel René eine Band gründet. Später stoßen Lloyd und Nino dazu. Als Fuckin Sushi gelangt das Quartett via Youtube zu Ruhm. Doch der hat bekanntlich auch seine Schattenseiten, wie Niels schließlich feststellen muss.

„Coming of Age“ sagt man heutzutage zu Büchern wie „Fuckin Sushi“, in denen es um das Erwachsenwerden geht. Ich persönlich bezeichne diesen Roman lieber als eine wunderbar-witzige Geschichte über die unbeschwerte Zeit, bevor der Ernst des Lebens an die Tür klopft und in der man noch hochfliegende Träume hat. Niels, der Erzähler im Buch, lebt seinen Traum an der Bassgitarre aus. Es sind herrlich verrückte Tage und Nächte, die Niels mit seinen Freunden erlebt – und der Leser ist hautnah dabei. Autor Marc Degens hat für die Band einen ganz besonderen Proberaum ausgewählt: Einen leerstehenden Turm mit Flachdach in einem stillgelegten Industriegebiet. Dieser atmosphärische Ort wird zum Sinnbild für Freiheit und Unbeschwertheit, wenn die Band an lauen Sommerabenden hoch oben ihr geschätztes Dosenbier trinkt, sich dabei die Lichter der Stadt besieht oder man – wie Niels – sein erstes Mal an einem so exotischen Punkt verlebt.

Beim Lesen dieses Buches habe ich sehr oft lauthals gelacht. Anlässe dafür bietet „Fuckin Sushi“ zur Genüge: Brüllend komische Situationen, beispielsweise beim Konzertdebüt von Niels und René in Bad Münstereifel, spritzige Dialoge und natürlich die unverwechselbaren Charaktere der Geschichte, die allesamt echte Typen sind.

Genauso gut wie die humorvollen Szenen gelingen Marc Degens die ernsten Töne, die „Fuckin Sushi“ ebenfalls enthält. Langweilig wird es in keinem der 52 Kapitel. Im Gegenteil: In nur zwei Tagen hatte ich die insgesamt 320 Seiten regelrecht inhaliert. Das ist bei dem locker-fluffigen Schreibstil des Autors und der fantastischen Story allerdings auch nicht verwunderlich.

Eine kleine Besonderheit hat mir außerdem ein Schmunzeln entlockt: Die Seitenzahlen sind wie Zeitangaben auf einer Musik-CD gestaltet – Seite 267 wird zu 2:67.

„Fuckin Sushi“ ist ein Roman mit einer unglaublich positiven Ausstrahlung – unverzichtbar für Träumer, Musikfans und alle, die sich gern gute Geschichten erzählen lassen.

Fuckin Sushi© DuMont Buchverlag

→ Der Autor auf der Leipziger Buchmesse

Marc Degens liest am 12. März 2015 um 20:00 Uhr im Rahmen der Langen Leipziger Lesenacht aus „Fuckin Sushi“. Außerdem wird er am Donnerstag (12.03.2015) und am Freitag (13.03.2015) am Stand des DuMont-Buchverlags (Halle 5, E100) anzutreffen sein.

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Zum Buch auf Amazon.de: „Fuckin Sushi“

Zum Buch auf der Homepage des DuMont-Verlags: „Fuckin Sushi“

Zur Homepage des Autors: Marc Degens

Zur Facebook-Seite des Autors: Marc Degens

Frisch rezensiert: „Don’t let it get to you, Ben! Du bist nicht allein.“ von Doreen Gehrke

Eine gute Story, leider holprig erzählt

 Sterne: 3 von 5

Ben ist 17 und liebt die Musik. Seine Band, deren Frontmann, Sänger und Gitarrist er war, gibt es leider nicht mehr und so stehen ihm recht eintönige Sommerferien bevor. Denn für eine Reise fehlt Bens alleinerziehender Mutter einfach das Geld. Schließlich meldet er sich bei der Castingshow „Entertain Us“ an. Als sanfter Rocker meistert er die ersten Hürden – ob im Recall oder bei den Workshops in der Dominikanischen Republik. Und doch plagen ihn oft Zweifel: Will er das wirklich? Wird er weiterkommen? Das Leben verändert sich enorm für den sensiblen Typen aus dem verschlafenen Städtchen Sleepy Water…

„Don’t let it get to you, Ben! Du bist nicht allein.“ ist ein Jugendroman um einen sympathischen Anti-Helden, der einige Probleme gleichzeitig zu meistern hat: Zu seinem Vater besteht kein Kontakt, er ist unglücklich verliebt, seine Familie ziemlich mittellos (noch nicht mal ein Handy nennt der 17-Jährige sein Eigen), die Mutter ist psychisch krank und seine eigene Band zerbrach vor Kurzem. Autorin Doreen Gehrke beschreibt einfühlsam aus der Sicht von Ben den steinigen Weg zur Erfüllung seines großen Traums. Viele Themen, die insbesondere Jugendliche bewegen, spricht sie darin an: Liebe, Freundschaft, Konflikte mit den Eltern, Musik, Vorbilder und Casting-Shows. Die Story ist vielseitig und geht gut voran. Langeweile kommt an keiner einzigen Stelle auf. Doch einen Makel hat der Roman „Don’t let it get to you, Ben“, der im Selbstverlag der Autorin erschienen ist: Die Schreib- und Ausdrucksweise ist verbesserungswürdig, die Dialoge sind manchmal holprig und es kommen viele Wortwiederholungen vor. Auch so mancher orthografische Fehler begegnet dem Leser bei der Lektüre. Das ist schade, denn dieses Buch hat reichlich Potenzial und dürfte exakt den Nerv von jugendlichen Lesern treffen. Da „Don’t let it get to you, Ben“ der Auftakt zu einer Reihe ist, wäre es sehr vorteilhaft, ein professionelles Lektorat mit der Überarbeitung des Erstlings und der Folgebände zu betrauen.

Mein Fazit: Eine gut durchdachte, tiefgreifende und schwungvolle Geschichte, die jedoch um Längen besser erzählt werden könnte und genau das auch verdient hat!

Don't let it get to you, Ben

© Doreen Gehrke Verlag

Vielen Dank an Doreen Gehrke für das Rezensionsexemplar!

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Zum Buch auf www.amazon.de: „Don’t let it get to you, Ben! Du bist nicht allein.“

Zum Facebook-Profil der Autorin: Doreen Gehrke

Zur Homepage des Verlags: Doreen Gehrke Verlag

Frisch rezensiert: „Genau mein Beutelschema“ von Sebastian Lehmann

Guten Abend liebe BlogleserInnen,

zum Ende eines lauen Sommertages möchte ich Euch ein ganz wunderbar-witziges Roman-Debüt vorstellen: „Genau mein Beutelschema“ von Sebastian Lehmann.

Hier ist meine Rezension:

Zugabe, Herr Lehmann!

Sterne: 5 von 5

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen auf dem Kandidatenstuhl bei einer dieser Fernsehquizshows und werden gefragt: „Der angesagteste Bezirk Berlins ist…?“ Na? Richtig, Neukölln. Und wie bezeichnet man die jungen Eingeborenen dieses trendigen Stadtteils? Das ist der gemeine Hipster. Vertreter dieser Spezies zeichnen sich in erster Linie dadurch aus, dass sie liebend gern schicke Stoffbeutel tragen, die sie bevorzugt mit knallengen Hosen und Oversized-Shirts kombinieren. Selbstverständlich sind Hipster zumeist (selbsternannte) Künstler, machen gerne Party und schlürfen literweise Club-Mate.

Mark ist allerdings keiner von denen. Er wohnt im langweiligen Bezirk Tiergarten, hat die 30 jüngst hinter sich gelassen und sein Job als Kleinanzeigenbetreuer ist nicht unbedingt das, was man in Neukölln unter Kunst versteht. Als er auf einer Party die zehn Jahre jüngere Christina kennenlernt und sich in sie verliebt, stürzt er kopfüber und vollkommen unvorbereitet in die Hipster-Szene. Sein geregeltes Leben wird plötzlich gewaltig auf den Kopf gestellt – und irgendwann ist nichts mehr, wie es war.

Poetry-Slammer und Autor Sebastian Lehmann liefert mit „Genau mein Beutelschema“ ein hinreißendes Roman-Debüt ab! Besonders Kinder der Neunziger werden dieses Buch von Anfang an ins Herz schließen, denn die überaus liebenswerte Hauptfigur Mark hegt vielfältige musikalische Erinnerungen an Größen wie die Backstreet Boys, Scooter, DJ Bobo und Marky Mark. Dabei wird Mark gleichzeitig bewusst, dass er inzwischen auch nicht mehr ganz taufrisch ist. „Genau mein Beutelschema“ ist eine spaßige Story über das Älterwerden und Jungbleiben, über die Liebe, über Trends und Veränderungen im Leben. Sebastian Lehmann schafft beim Erzählen spielend die Quadratur des Kreises, nämlich Tiefgang mit Witz! Seine Heimatstadt Berlin nimmt er gehörig auf die Schippe und spielt dabei munter mit Vorurteilen. Der Schreibstil des Autors ist herrlich entspannt und locker. Dieser Roman hat richtig Spaß gemacht! Ich habe letztlich nur einen einzigen Kritikpunkt: Das Buch war definitiv zu kurz! Zugabe, Herr Lehmann! 🙂

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Zum Buch auf www.amazon.de: „Genau mein Beutelschema“

Homepage des Autors: Sebastian Lehmann

Homepage des Verlags: Aufbau Verlag

Ganz herzlichen Dank an den Aufbau Verlag für das Rezensionsexemplar!

Frisch rezensiert: „Ich würde Dich so gerne küssen“ von Patrycja Spychalski

Frieda entdeckt die Welt – und die Liebe…

Sterne: 5 von 5

Im coolen Berlin: Frieda, gerade 17 Jahre alt, kommt aus einer wohlbehüteten Familie und lebte bisher eher ein bisschen zurückgezogen. Ihre beste Freundin Maja dagegen ist laut, lebenslustig, feiert gerne und schleppt ständig neue Typen an. Einer von denen ist Jeffer. Als Frieda und er sich zum ersten Mal begegnen, ahnen sie beide noch nicht, dass sie schon bald ein sehr inniges Verhältnis zueinander haben werden. Der verrückte Jeffer, der sich selbst gern als Rockstar sieht und den Helden von früher nacheifert (Jimi Hendrix, Jim Morrison, Velvet Underground), schmeißt mit seinen unzähligen Freunden gern Partys auf dem Dach und liebt die Musik mit Haut und Haar. Als Friedas Eltern in den Urlaub fahren, zieht Frieda kurzerhand bei Jeffer ein. Das brave Töchterchen mutiert zur Rockerbraut und genießt die intensive Zeit mit Jeffer. Doch ob das gut geht?

Patrycja Spychalski hat mit ihrem ersten Buch „Ich würde Dich so gerne küssen“ einen frechen und zugleich melancholischen Roman geschrieben. Die Emotionen sprudeln nur so über – Liebe, Eifersucht, Unsicherheit, Schmerz, Wut: Ihre sympathischen Protagonisten müssen so einiges durchleben. Es ist spannend, Frieda auf dem Weg in ihr „neues Leben“ zu begleiten. Beim Lesen von „Ich würde Dich so gerne küssen“ taucht man problemlos in die Welt von Frieda und Jeffer ein und glaubt, man ist mitten drin im Geschehen.

Mein Fazit: „Ich würde Dich so gerne küssen“ ist ein Jugendbuch mit Tiefgang, das klug, aber nicht besserwisserisch ist und das einen gleichermaßen zum Schmunzeln bringt wie nachdenklich stimmt. Und das zeigt, dass die Grenzen zwischen Freundschaft und Liebe manchmal fließend sind… Bleibt inständig zu hoffen, dass es bald noch mehr von Patrycja Spychalski zu lesen gibt!

Frisch rezensiert: „Das Lied vom Tun und Lassen“ von Jan Böttcher

Künstlerischer Roman mit eigenem Soundtrack

Sterne: 3 von 5

Jan Böttcher ist Autor und Musiker. Auf faszinierende Weise hat er seine beiden Leidenschaften und Berufungen in seinem Roman „Das Lied vom Tun und Lassen“ miteinander verknüpft: Auf seiner Homepage www.janboettcher.com hat er sieben Lieder zum Anhören für die LeserInnen parat – der Soundtrack zum Buch also. Das ist weitaus mehr als ein nettes Gimmick, denn die Songs untermalen die Stimmung und die jeweilige Szenerie hervorragend und füllen die Handlung aus.

In „Das Lied vom Tun und Lassen“ lässt Jan Böttcher drei ganz verschiedene Personen zu Wort kommen, die doch alle in einer Beziehung zueinander stehen: Der Musiklehrer Immanuel Mauss, der Schulgutachter Johannes Engler und die Schülerin Clarissa Winterhof. Sie alle verbindet die Musik – und ein tragisches Schicksal: Vor Kurzem hat sich die Schülerin Meret Kugler vom Dach der Schule in den Tod gestürzt. Trauer und Fassungslosigkeit bleiben. Wie die drei Protagonisten damit umgehen, lässt sie Jan Böttcher erzählen.

Leider kommt Meret Kugler aus meiner Sicht in diesem Buch viel zu kurz. Man erfährt zwar, dass sie Antidepressiva nahm, aber sie schwebt nur über der Geschichte, anstatt mit ihrem Leben und Sterben ein wirklicher Teil der Handlung zu sein.

Das Buch ist sehr poetisch geschrieben; Jan Böttcher spielt mit den Worten, klaubt sie manchmal regelrecht auseinander. Sehr atmosphärisch beschreibt der Autor ein Sommergewitter in Frankreich – meine Lieblingsstelle im ganzen Buch!

Und dennoch ist dieser Roman teils verwirrend und unruhig. Den Gedankensprüngen der Protagonisten kann man nicht immer folgen. „Das Lied vom Tun und Lassen“ ist ein sprachlich wunderbares, aber mitunter nicht leicht nachzuvollziehendes und sehr künstlerisches Werk, dem ich 3 von 5 Sternen gebe.