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Frisch rezensiert: „Und nachts die Angst“ von Carla Norton

Wer Geduld hat, wird mit Spannung belohnt

Sterne: 4 von 5

Die 22-jährige Reeve LeClaire aus San Francisco muss ein traumatisches Erlebnis verarbeiten: Als sie 12 war, wurde sie entführt und vier Jahre lang im Keller eines Sadisten eingesperrt, gefoltert und vergewaltigt. Dank eines Zufalls hat sie ihre Freiheit zurückerlangt, ihr Peiniger wurde gefasst. Dennoch sind Narben geblieben – seelisch wie körperlich.

Zu ihrem Therapeuten Dr. Lerner hat Reeve großes Vertrauen. Aktuell wird die Hilfe des Experten für Entführungsopfer dringend in einem anderen Teil des Landes benötigt: In Jefferson County konnte die kleine Tilly Cavanaugh lebend aus dem Folterkeller eines Irren befreit werden. Letzterer sitzt bereits in Haft. Dr. Lerner bittet Reeve, der völlig verstörten Tilly als Vertraute beizustehen. Nach anfänglichem Zögern macht sich Reeve schließlich auf den Weg. Dort wird sie von quälenden Erinnerungen heimgesucht…

Carla Nortons Romandebüt „Und nachts die Angst“ rückt das schreckliche Martyrium von Entführungsopfern in den Fokus. Schonungslos wird von den Qualen der Mädchen und den abartigen Fantasien ihrer Entführer berichtet.

Hochspannung von Anfang bis Ende zu bieten, ist nicht das Konzept dieses Thrillers. Gerade in den ersten Kapiteln kommt insbesondere der psychologischen Komponente eine tragende Rolle zu: Traumata und das sogenannte „Stockholm-Syndrom“ werden beleuchtet. Die Geduld echter Thrillerfans wird zunächst gehörig auf die Probe gestellt. Aber wer geduldig bleibt, wird mit überraschenden Wendungen und einem plötzlich steilen Anstieg des Spannungsbogens belohnt. Der Plot ist intelligent und gut durchdacht. Leser, die gern bis zum Schluss rätseln, wer der Täter war, kommen in diesem Thriller allerdings nicht auf auf ihre Kosten. Das Böse ist beizeiten bekannt. Die Figuren hätten noch ein wenig mehr Farbe vertragen können. Aber immerhin erweist Reeve ihrem Spitznamen „Edgy Reggie“ – was soviel heißt wie „Kratzbürste“ – auf den insgesamt 400 Seiten dieses Buches durchgängig alle Ehre.

4 Sterne für diesen besonderen Thriller, der in einem ganz anderem Gewand daherkommt als die meisten Bücher dieses Genres.

Und nachts die Angst„Und nachts die Angst“ habe ich im Rahmen meiner Lesechallenge „Mission SuB-Verkleinerung“ im Januar 2014 gelesen.

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Zum Buch auf http://www.amazon.de: „Und nachts die Angst“

Zur Homepage der Autorin (englischsprachig): Carla Norton

Zur Homepage des Verlags: Droemer Knaur

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Frisch rezensiert: „Requiem“ von Eoin McNamee

Mädchenmord in postindustrieller Melancholie

Sterne: 4 von 5

Ein Mordfall schreckt im Januar 1961 die triste Hafenstadt Newry in Nordirland auf: Pearl Gamble, 19 Jahre alt, wird ermordet auf einem Stoppelfeld aufgefunden. Geschlagen. Erwürgt. Erstochen. Der vermeintliche Täter steht schnell fest, „denn die Stadt regelt das auf ihre Weise“. Der 26-jährige Robert McGladdery wird wegen des Mordes an Pearl verhaftet. Da in Nordirland die Todesstrafe noch nicht abgeschafft ist, gibt es nicht Wenige – vom Sergeant bis hin zum Regierungsmitglied – die McGladdery am Galgen hängen sehen wollen. Nur Eddie McCrink, der vorher in London tätig war und nun der neue Polizeiinspektor ist, forscht dort weiter nach Beweisen, wo es nur Indizien gibt und stößt dabei auf vermeintlich wohlgehütete Geheimnisse. Damit macht er sich an ranghohen Stellen aber keinesfalls Freunde…

Wäre Eoin McNamees Roman „Requiem“ ein Gemälde, dann hätte man es ausschließlich mit rabenschwarzem Kohlestift gezeichnet. Düster, drückend und mit einem Anflug von Melancholie stellt er die Stadt Newry im Besonderen und Nordirland im Allgemeinen dar. Hohe Arbeitslosenquoten, leerstehende Fabrikgebäude, die Rauheit des Hafens, tiefhängende Wolken mit immerwährendem Nieselregen und über allem der Staub von Kohle: Dank Eoin McNamees bildhafter Schilderungen wird der Leser rasch ein Teil dieser erdrückenden Düsternis.

Der Roman beruht auf Fakten, denn Robert McGladdery war tatsächlich der letzte Hingerichtete in Nordirland. Insofern weiß man von Beginn an um das Ende des Buchs. Dennoch sind gerade die letzten einhundert Seiten von Spannung geprägt. Leider kann man das nicht vom ganzen Buch behaupten, denn es gibt Stellen, da fühlt man sich wie auf einem Karussell: Die Ermittlungen schreiten nicht recht voran, alles dreht sich um die immer gleichen Fragen, der Fortgang der Geschichte stagniert. Dafür hat Eoin McNamee einen Schreibstil, der Applaus verdient: Wortgewandt und poetisch schreibt er Sätze, die man sich regelrecht auf der Zunge zergehen lassen muss. Hier hat auch der Übersetzer Hansjörg Schertenleib ganze Arbeit geleistet!

Zusammenfassend kann ich sagen, dass „Requiem“ keinesfalls ein leichtes Buch ist. Man muss sich darauf einlassen können und sich teilweise regelrecht dazu überwinden, zur Lektüre zu greifen. Andererseits glänzt der Roman durch die bildhafte Darstellung der postindustriellen Melancholie, den spannenden Mordfall, das unglaubliche Gebaren korrupter Menschen aus Politik und Justiz und durch die schon erwähnte – beinahe lyrische – Schreibweise von Eoin McNamee. Mein Fazit: „Requiem“ lässt mich ein wenig gespalten zurück. Dennoch hat das Buch auf mich eine kaum zu beschreibende Faszination ausgeübt.    

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Zum Buch auf www.amazon.de: „Reqiuem“

Homepage des Verlags mit Infos über den Autor: dtv – Deutscher Taschenbuch Verlag

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Frisch rezensiert: „Die Mädchenwiese“ von Martin Krist

Grandioser Spreewald-Thriller

Sterne: 5 von 5

Deutschland am 19. August 2012: Es ist der heißeste Tag des Jahres. Ich liege mit Freunden im Freibad und schnappe mir, als ich aus dem 21 Grad kalten Wasser komme, sofort meine Lektüre: „Die Mädchenwiese“ von Martin Krist. Ein pinkfarbener Aufkleber auf dem Cover verspricht vollmundig: „Garantiert auch bei 36 Grad Gänsehaut“. Ich lese und lese und kann einfach nicht aufhören. Trotz der Hitze hält der Gänsehaut-Slogan sein Versprechen – denn „Die Mädchenwiese“ ist so spannend, dass man zwischen den Kapiteln immer wieder nach Luft schnappt…

Im kleinen Spreewald-Dörfchen Finkenwerda wird die 16-jährige Lisa vermisst. Eine pubertäre Ausreißerin, denkt man sich, die kommt schon wieder. Doch einer wird von Anfang an hellhörig: Der Kneipier Alex Lindner, der vor Jahren in grausigen Mordfällen als Polizist ermittelt hat. Lisa kommt nicht wieder. Vergeblich wartet die Familie auf ein Lebenszeichen. Die Polizei fahndet nach ihr. Als auf einer Lichtung unweit des Dörfchens eine grausam zugerichtete Mädchen-Leiche gefunden wird, die jedoch nicht Lisa ist, nehmen die Ermittlungen an Fahrt auf, denn es gibt erschreckend viele Parallelen zu den Fällen, mit denen Alex Lindner damals zu tun hatte. Der Schlüssel zu allem ist schließlich die einsame und alte Berta Kirchberger, die von allen Dorfbewohnern nur als „alte Hexe“ bezeichnet wird. Zu recht?

Wenn es nach mir ginge, würde auf dem Cover von „Die Mädchenwiese“ noch ein weiterer Aufkleber prangen: „Thriller des Jahres“ nämlich. Und das absolut verdient! Deshalb prasseln meine Beschreibungen zum Buch hier auch nieder wie die dicken Regentropfen eines Sommergewitters: Brillant! Spannend! Meisterlich! Faszinierend! Unglaublich! Atemberaubend! Geschickt! Atmosphärisch! Gruselig gut! Hochinteressant!

Autor Martin Krist legt mit „Die Mädchenwiese“ einen abenteuerlichen Thriller made in Germany vor, in dem sich die Wege der handelnden Personen auf unvorhersehbare Art und Weise kreuzen und verwebt geschickt die einzelnen Erzählstränge miteinander. Absolut grandios!