Frisch rezensiert: „Lost Boy“ von Johannes Groschupf

Leider nicht so packend wie der erste Teil

Meine Bewertung: ★★★

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© Oetinger Taschenbuch

Die Faszination für Lost Places, also Orte, die dem Verfall preisgegeben sind, ist ungebrochen. Unzählige Urban Explorer erkunden verlassene Krankenhäuser und Betriebe und veröffentlichen teils atemberaubende Bilder im Netz. Der in Berlin lebende Autor Johannes Groschupf hat seinen Jugendroman „Lost Places“ genau in diese Umgebung eingebettet: Die Freunde Lennart, Kaya, Moe, Chris und Steven machen in einer Fabrikruine eine fürchterliche Entdeckung.

Im zweiten Teil „Lost Boy“, der am 13. Januar 2017 bei Oetinger Taschenbuch erschienen ist, verlegt Johannes Groschupf das Setting in den Berliner Untergrund: stillgelegte U-Bahnhöfe und verwaiste Gleise bilden den Rahmen für die Handlung seines aktuellen Jugendromans. In dem gibt es ein Wiedersehen mit alten Bekannten aus „Lost Places“.

Worum geht es in „Lost Boy“? Lennart wacht auf einem Bahnsteig in Hamburg auf und kann sich an nichts mehr erinnern, nicht einmal  an seinen Namen. Nach und nach sickern bruchstückhafte Erinnerungen in sein Bewusstsein. Eines Tages kommt er schließlich zurück in seine Heimatstadt Berlin. Aus einem Grund, den er nicht kennt, ist ihm der berühmte Underground-DJ Bulgur auf den Fersen. Lennart befindet sich in großer Gefahr …

Johannes Groschupf hat mich mit „Lost Places“ absolut begeistern können. Deshalb habe ich die Fortsetzung „Lost Boy“ mit Spannung erwartet. Die Kulisse in „Lost Boy“ ist wieder einmal etwas ganz Besonderes. Die düstere Atmosphäre der verlassenen U-Bahn-Schächte beschreibt Johannes Groschupf eindrucksvoll. Als Leser hat man absolut keine Probleme damit, sich diese Parallelwelt unter den Straßen Berlins vorzustellen.

Mysteriös und spannend ist die Geschichte von Lennart. Der Nebel um das, was passierte, bevor Lennart ohne Erinnerungen in Hamburg aufwachte, lichtet sich sowohl für die Hauptfigur des Romans als auch für den Leser nur Stück für Stück.

Allerdings konnte mich die Story von „Lost Boy“ nicht so packen wie die des Vorgängers „Lost Places“. So manche Handlung erschien mir außerdem ziemlich unlogisch. Da wird beispielsweise Lennarts Freundin Jule entführt. Anstatt nach ihr zu suchen, gibt er sich erst einmal in aller Ruhe der Musik in einer Disko hin. Auch die Figuren wirkten auf mich im Vergleich zu Teil eins platter und weniger charismatisch.

Deshalb setze ich große Hoffnungen auf den Nachfolger „Lost Girl“, der am 1. September 2017 bei Oetinger Taschenbuch veröffentlicht wird.

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Zum Buch auf der Homepage des Verlags: „Lost Boy“

Zum Buchtrailer: „Lost Boy“

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Mein Messetagebuch: Tag 2 – 18.03.2016

Der zweite Tag auf der Leipziger Buchmesse beginnt mit einer unverhofften Begegnung: Am Stand des emons:-Verlages treffe ich die liebenswerte Autorin Sina Beerwald. Vor acht Jahren verließ sie ihre Heimat Stuttgart und lebt seither auf der Insel Sylt. Dort spielt auch ihr soeben erschienenes Buch „Heringsmord“ – ein typischer Urlaubskrimi, wie sie selbst sagt.
Sina

Zum ersten Mal auf der Leipziger Buchmesse ist das Kölner Verlagshaus Cupido Books vertreten. Am Stand plaudere ich mit Chefin Karin Struckmann, die mir die Vielfalt der anspruchsvollen erotischen Romane präsentiert, für die Cupido Books steht. Da ich ja im Spannungsgenre absolut zuhause bin, springt mir der Erotik-Thriller „Stockholm Syndrom“ von Lenore Gregor sofort ins Auge.

KarinKarin Struckmann, die Frontfrau hinter Cupido Books stellt mir „Stockholm Syndrom“ (© Coverabbildung: Cupido Books) vor

stockholm-syndrom

12:30 Uhr ergattere ich einen Platz in der ersten Reihe des gut besuchten Nordischen Forums. Dort finden Gespräche und Lesungen mit Autorinnen und Autoren aus den skandinavischen Ländern statt. Nun betritt Minna Lindgren den Stand, der aus allen Nähten zu platzen droht.

Mit ihrem humorvollen Krimi „Rotwein für drei alte Damen oder Warum starb der junge Koch?“ sorgt die deutschsprachige Vorleserin, die Minna Lindgren mitgebracht hat, für viel Erheiterung im Publikum. Eine Passage liest die Autorin auf Finnisch aus ihrem Roman, der im Original „Kuolema Ehtoolehdossa“ heißt. Erschienen ist die Geschichte um drei unfreiwillige Ermittlerinnen jenseits der 90, die in der Seniorenresidenz „Abendhain“ leben, am 10. März 2016 bei Kiepenheuer & Witsch. Anschließend signiert die Finnin fleißig.

MinnaMinna Lindgren liest auf Finnisch


© Kiepenheuer & Witsch

Um 14:00 Uhr knallen in Halle 5 die Sektkorken. Die fünf Kölner Verlage  Kiepenheuer & Witsch, DuMont Buchverlag, DuMont Kalenderverlag, Egmont LYX/Egmont INK und Bastei Lübbe haben sich zusammengetan und veranstalten am 4. Juni 2016 in der wunderschönen Domstadt zum ersten Mal die LBC – die LitBlog Covention, an der maximal 150 Blogger teilnehmen werden. Mit etwas Glück kann man ein Ticket ergattern. Darauf muss angestoßen werden! Der Kartenvorverkauf startet am kommenden Montag um 11:11 Uhr. Typisch Kölsch eben. 🙂

LBCUlrike Meier von Kiepenheuer & Witsch am Mikro

In der LVZ-Autorenarena liest um 15:00 Uhr Heinz Strunk aus seinem neuen Roman „Der goldene Handschuh“. Außerdem berichtet er, dass sein Bestseller für das Theater adaptiert und verfilmt wird. Nach der Lesung bildet sich eine beachtliche Schlange. Alle warten auf den Autor, um ein Autogramm und/oder ein Foto zu erhaschen, denn geplant ist eine Signierstunde mit ihm – EIGENTLICH. Uneigentlich lässt er sich einfach nicht blicken und verärgert damit seine Fans, die unverrichteter Dinge wieder abziehen. Auf Platz 5 der SPIEGEL Bestsellerliste hat der Hamburger Jung‘ scheinbar zu viel Höhenluft geschnuppert. Schade, Herr Strunk.

StrunkHeinz Strunk

Die „Lieblingsautoren„, ein Zusammenschluss von 23 verlagsunabhängigen Schriftstellern und Schriftstellerinnen, hellen meine ein wenig getrübte Stimmung mit Sekt und Romanen unterschiedlichster Genres wieder gehörig auf. Am Bücherglücksrad ergattere ich doch tatsächlich den Jackpot: 4 Bücher!

HannahMeine Glücksfee Hannah Siebern

Der letzte Programmpunkt ist das Bloggertreffen #blogntalk am Stand der Verlagsgruppe Random House. Dort interviewe ich Eric Berg, der mit „Das Nebelhaus“ und „Das Küstengrab“ zwei echte Krimi-Volltreffer gelandet hat. Am 22. Februar 2016 ist „Die Schattenbucht“ erschienen.

Ich frage ihn, ob er als Eric Walz noch historische Krimis schreibt. Er verneint. Krimis seien anspruchsvoller zu schreiben und ihm liege dieses Genre einfach. Die nächsten Spannungsromane hat er (zu meiner großen Freude) schon in der Schublade liegen.

EricMit Eric Berg bei Random House

Diese beiden Fragen stelle ich Eric Berg außerdem:

Bist Du Mitglied in einer Autorenvereinigung bzw. hast Du Kontakt mit anderen Autoren?

Eric Berg: Früher bin ich in einer Autorenvereinigung gewesen, jetzt allerdings nicht mehr. Kontakt zu anderen Autoren pflege ich auf freundschaftlicher Basis, beruflich eher nicht. Ich bin mehr der Einzelkämpfer. 😉

Liest Du selbst viel?

Eric Berg: Ja, allerdings lese ich keine Krimis. Die irritieren mich, weil ich ja selbst welche schreibe. Ansonsten bin ich für alle Genres offen – mit Ausnahme von Fantasy-Geschichten. Damit kann ich nichts anfangen. 🙂

Anne_AdrianaDreamteam: Die Autorinnen Anne Freytag (links) und Adriana Popescu (rechts) waren beim Random House-Bloggertreffen natürlich auch mit von der Partie

18:00 Uhr mahnt dann der Gong die Besucher zum Verlassen der Messehallen. Ein weiterer ereignisreicher Tag geht zu Ende.

* GEWINNSPIEL *

Macht mit bei der Verlosung eines signierten Exemplars von “Tage mit Leuchtkäfern”. Bei mir sammelt Ihr keine Treuepunkte, sondern natürlich Buchstaben. Hier sind die nächsten Buchstaben des diesjährigen Buchmesse-Gewinnspiels. Unter jedem meiner Messetagebuch-Einträge findet Ihr sie. Zusammengesetzt ergeben sie ein Lösungswort, mit dem Ihr an der Verlosung eines nagelneuen, signierten Exemplars des Romans “Tage mit Leuchtkäfern” von Zoe Hagen teilnehmen könnt.

E Z E

Teilnahmebedingungen: 

1. Verlost wird ein Exemplar des Buchs “Tage mit Leuchtkäfern” von Zoe Hagen – von der Autorin signiert, nagelneu und ungelesen. Danke an Ullstein und Zoe Hagen!

2. Das Gewinnspiel läuft im Zeitraum vom 18. März 2016 bis zum 31. März 2016, 24:00 Uhr. Zum Teilnehmen muss aus den Buchstaben unter jedem der Messetagebuch-Einträge das Lösungswort zusammengesetzt und das Gewinnspielformular unter dem Tagebucheintrag von Tag 3 (Samstag) vollständig ausgefüllt und abgeschickt werden. Der/die Gewinner/in wird am 1. April 2016 aus allen fristgerecht eingegangenen Einsendungen mit dem richtigen Lösungswort per Losverfahren ermittelt und dessen/deren Name hier bekanntgegeben. Mit dem Absenden des Teilnahmeformulars erklärt sich der/die Teilnehmer/in damit einverstanden, dass sein/ihr vollständiger Name im Gewinnfall hier veröffentlicht werden darf.

3. Mitmachen kann jede/r mit Hauptwohnsitz in Deutschland, der/die mindestens 18 Jahre alt ist. Mit dem Abschicken des Teilnahmeformulars bestätigt Ihr, dass Ihr volljährig seid.

4. Keine Barauszahlung möglich.

5. Keine Haftung, falls der Gewinn auf dem Postweg verloren geht.

6. Bitte nur 1 x mitmachen! Mehrfachteilnehmer/innen werden disqualifiziert.

7. Ihr müsst zur Teilnahme nicht zwingend meinem Blog oder meiner Facebook-Seite folgen. Ich freue mich aber selbstverständlich immer über neue Follower meines Blogs, meiner Facebook-Seite, meines Twitter– und meines Instagram-Accounts.

8. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

9. Eure Daten werden ausschließlich im Rahmen des Gewinnspiels verwendet und NICHT weitergegeben. Nach erfolgter Auslosung werden die Daten gelöscht.

Viel Glück!

Frisch rezensiert: „Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk

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Und das schon im Februar: Mein Buch des Jahres 2016!

Meine Bewertung: ★★★★★

 © Rowohlt Verlag GmbH

Neues von Heinz Strunk! Diesmal befasst sich der Hamburger Autor, der im wahren Leben Mathias Halfpape heißt, nicht mit seiner eigenen Biografie, sondern mit der eines gefürchteten Verbrechers. Obwohl es sich bei dem 256-seitigen Buch um einen Roman handelt, basiert es auf Fakten. Heinz Strunk hat dafür die Staubschicht der bislang im Staatsarchiv Hamburg unter Verschluss gehaltenen Akten zum Fall Honka abgetragen und das Leben eines Mannes aufgearbeitet, den nicht wenige für das personifizierte Böse halten: Der vierfache Frauenmörder Fritz Honka, geboren in Leipzig. Sein Lebenslauf ist von einer Tragik, die ihresgleichen sucht. Aufgewachsen in Kinderheimen, floh er 1951 in den Westen. 1956 erlitt er einen Verkehrsunfall, der ihm sein deformiertes Aussehen bescherte. Alkohol und Verwahrlosung bestimmten sein weiteres Leben. Und der „Goldene Handschuh“ natürlich, eine recht urige Kneipe im berüchtigten Hamburger Stadtteil St. Pauli. Dort kehrte Honka (Spitzname: „Fiete“) regelmäßig ein, um sich sein Lieblingsgetränk „Fako“ zu genehmigen – Orangenlimonade mit Korn. Im „Handschuh“ schloss er auch Bekanntschaft mit seinen vier späteren Opfern, allesamt Damen des auf der Reeperbahn einschlägigen Milieus.

Die Sprache des Romans, gleichermaßen bestehend aus niederstem Jargon und apart-kultivierter Diktion, ist genauso gegensätzlich wie die beiden Lebenswelten von Strunks Protagonisten – Fritz Honka als Vertreter des Bodensatzes der Gesellschaft, demgegenüber die adelige Reederfamilie von Dohren. Und doch sind sie sich näher als man denkt. Denn auch unter feinen Häusern verlaufen Abwasserkanäle, wie es im Film „Saw“ heißt.

Heinz Strunk versteht es, dem Leser Sympathien für den Trinker Honka zu entlocken, ohne ihn zu glorifizieren. Das ist nicht der einzige Balanceakt, den der 53-jährige Autor spielend meistert. Die Stimmung im Buch nämlich reicht von Ausgelassenheit bis hin zu purer Verzweiflung. „Der goldene Handschuh“ deshalb mit dem Etikett „tragikomisch“ zu versehen, wäre allerdings Frevel. Diese Bezeichnung ist schlicht und ergreifend zu klein für die aberwitzige literarische Reise, auf die der Hamburger Schriftsteller und Künstler seine Leser mitnimmt. Er beschreibt Momente, die Ekel und Abscheu hervorrufen, Mitleid und Fassungslosigkeit. Aber Heinz Strunk wäre nicht Heinz Strunk, wenn er nicht ebenfalls von Dingen erzählen würde, die den Leser zu wahren Lachsalven hinreißen. Dazu kommen köstliche Dialoge, mitunter verfasst in edelstem Hamburger Schnack.

Wer dieses Buch liest, wird unweigerlich zum Zaungast im „Goldenen Handschuh“. Er schließt Bekanntschaft mit Originalen wie Soldaten-Norbert, Fanta-Rolf und Tampon-Günter, lernt beeindruckende Schimpfwörter, bekommt all die großen und kleinen Tragödien mit, die sich in der Schänke am Hamburger Berg abspielen. Er wird aber auch Zeuge von Honkas Morden, denn die beschreibt Heinz Strunk auf eindringliche Weise.

„Der goldene Handschuh“ ist in diesem Jahr für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik nominiert. Völlig verdient, wie ich finde, denn dieses Buch ist ganz und gar außergewöhnlich und sucht seinesgleichen. Ich dekoriere es schon jetzt, im noch sehr jungen Lesejahr 2016, mit der Auszeichnung „Mein Lieblingsbuch des Jahres“. Bisher haben es nur sehr, sehr wenige Bücher geschafft, mich derart zu fesseln und sich in mein Gehirn zu brennen wie Heinz Strunks neuer Roman.

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Zum Buch bei Amazon.de: „Der goldene Handschuh“

Zum Buch auf der Homepage der Rowohlt Verlag GmbH: „Der goldene Handschuh“

Zur Homepage des Autors: Heinz Strunk

Zur Homepage der Kult-Kneipe „Zum Goldenen Handschuh“

Zum Preis der Leipziger Buchmesse

Frisch rezensiert: „Der Blogger“ von Patrick Brosi

Patrick Brosi erfindet den Krimi neu

Meine Bewertung: ★★★★


© Emons Verlag

Als Enthüllungsblogger sorgte René Berger für die Aufdeckung eines handfesten Skandals in der Pharmaindustrie. Nun treibt sein Ruderboot verlassen im Titisee. Auch Marie Sommer, eine aufstrebende Journalistin aus Hamburg, die sich an Bergers Fersen geheftet hatte, ist urplötzlich verschwunden. Was für den in Freiburg ermittelnden Kommissar Andreas Nagel zunächst nach Routine aussehen mag, nimmt mit der Zeit Dimensionen an, die die Grenzen des Vorstellbaren sprengen…

Schon optisch kommt „Der Blogger“ von Patrick Brosi aus dem Emons Verlag ganz anders daher, als man es von den Krimis des auf Spannungsliteratur spezialisierten Kölner Verlagshauses gewohnt ist. Außerdem ist dieses Buch gut doppelt so dick wie das Gros der regionalen Kriminalromane, die bei Emons für gewöhnlich verlegt werden. Diese Äußerlichkeiten allein sind schon ein Beweis dafür, dass Emons „Der Blogger“ als Spitzentitel dieses Bücherherbstes vermarktet. Doch auch der Inhalt des Buches ist einzigartig.

Die Bezeichnung „Regionalkrimi“ würde der 456 Seiten starken Erzählung des 1987 geborenen Autors nicht gerecht werden. Für dieses Buch klingt „Regionalkrimi“ schlichtweg zu banal. Warum? Einerseits beschränkt sich Patrick Brosi nicht nur auf eine bestimmte Region. Seine Geschichte spielt länderübergreifend in Freiburg, in der Schweiz, in Hamburg und in Berlin. Zum anderen ist „Der Blogger“ kein klassischer Krimi, der dem Schema „Leiche – Ermittler – Mörder“ folgt. Der Autor hält seinem Publikum anfangs mehrere scheinbar zusammenhanglose Fäden hin, die sich nach und nach auf faszinierende Weise miteinander verweben. Am Ende wartet er mit unglaublich überraschenden und dennoch glaubhaften Wendungen auf, die beim Leser für Sprachlosigkeit sorgen. Ich verrate nicht zuviel, aber etwas Vergleichbares ist mir bislang in noch keinem anderen Kriminalroman begegnet. Auch die brisante Thematik, nämlich die Machenschaften der Pharmaindustrie, ist für einen Regionalkrimi im herkömmlichen Sinne zu groß.

Die Figuren im Buch sind alle durch die Bank weg messerscharf gezeichnet. Patrick Brosi beweist neben einem glücklichen Händchen vor allem Talent beim Entwerfen echter Charakterköpfe. Besonders interessant fand ich persönlich Kommissar Nagel.

Sprachlich durchaus anspruchsvoll, ist „Der Blogger“ auch auf Grund der komplexen Story kein Buch, das man zwischendurch einfach so wegliest. Einige philosophische Dialoge, die sich glücklicherweise zahlenmäßig in Grenzen halten und die ich als regelrecht anstrengend empfand, tragen dazu bei, dass man nicht durch die Seiten fliegt, sondern sich dieser Geschichte intensiv widmet. Patrick Brosi hat ein Buch mit einem intelligenten Plot geschrieben, das sich von den gängigen Kriminalromanen deutlich abhebt. Mit den Themen Pharmaindustrie, Blogger und Whistleblower befindet sich Brosi ganz nah am Puls der Zeit.

„Der Blogger“ ist absolut außergewöhnlich und darf ruhig als „Krimi-Revolution“ bezeichnet werden.

Buchtrailer

 

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Zum Buch bei Amazon.de: „Der Blogger“

Zum Buch auf der Homepage des Emons Verlags: „Der Blogger“

Zur Homepage des Autors: Patrick Brosi

Die Homepage zum Buch: „Der Blogger“

Frisch rezensiert: „Brook unter Räubern“ von Cornelius Hartz

⇒ NEUERSCHEINUNG

Leuchtender (Nord-)Stern am Krimi-Himmel

Sterne: 5 von 5

Im Klinikum im Hamburger Stadtteil Dulsberg geht ein Paket mit grausigem Inhalt ein: Der unscheinbare braune Pappkarton enthält ein menschliches Auge! Hauptkommissar Gunwald Brook und seine Kollegen werden hellhörig, als sie im gleichen Atemzug von der Sekretärin des Chefarztes erfahren, dass dieser seit wenigen Tagen spurlos verschwunden ist. Das Polizeikommissariat 37 nimmt die Ermittlungen sofort auf. Dem verschwundenen Professor kommen sie zunächst nicht auf die Spur. Dafür hält der Absender des Pakets die Ermittler in Atem…

„Brook unter Räubern“ ist der zweite Fall einer Hamburg-Krimi-Reihe aus der Feder von Cornelius Hartz. Um voll und ganz in die Geschichte einzutauchen, ist es nicht notwendig, den Vorgängerband „Brook und der Skorpion“ gelesen zu haben. Es handelt sich bei beiden Büchern um jeweils in sich abgeschlossene Fälle. Der Autor verzichtet auf langwieriges Vorgeplänkel – er katapultiert den Leser lieber mitten ins Geschehen. Und ehe man sich versieht, hat man den mürrischen Mittfünfziger Brook auch schon ins Herz geschlossen. Der Kriminalhauptkommissar ist ein echter Charakterkopf. Mit ihm hat Cornelius Hartz eine grandiose Hauptfigur geschaffen, ohne die dieser Krimi nur halb so schön wäre. Er flucht, schimpft und brüllt sich durch die 240 Seiten des Buchs – und doch hat der Witwer seine verletzliche Seite, die er natürlich nach außen hin erfolgreich verbirgt. Seine beiden Kollegen Hellkamp und der junge Lejeune komplettieren das ungleiche, aber unterhaltsame Ermittler-Team. Mir kam beim Lesen oft der Gedanke: „Wenn Brook doch nur Til Schweiger im „Tatort“ ablösen könnte – dann hätte Hamburg endlich mal ein vernünftiges Team am Sonntagabend!“. Mit pointiertem Witz garniert der Autor die gleichbleibend spannende Story, die die Polizisten auf einige falsche Fährten führt und den Leser bis zum Schluss mitfiebern lässt.

An atmosphärischen Beschreibungen hält sich Cornelius Hartz nicht lange auf. Dafür sorgt er in sachlichem Ton und mitunter ein wenig hanseatisch-kühl mit diesem runden, sorgfältig recherchierten und stimmigen Krimi für Lesegenuss vom Feinsten.

Kommissar Brook hat sich damit einen Platz ganz vorn in der Liste meiner Lieblingsermittler gesichert. Sein aktueller Fall „Brook unter Räubern“ gehört für mich zu den stärksten Krimis des Jahres. Chapeau!

Brook unter Räubern© emons:

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Zum Buch auf http://www.amazon.de: „Brook unter Räubern“

Zur Homepage des Autors: Cornelius Hartz

Zur Homepage des Verlags: emons:

Die Premierenlesung findet am 5. September 2014 in Hamburg statt. Mehr dazu hier.

Ganz großes Kino: „Banklady“ – die Geschichte der ersten Bankräuberin Deutschlands

Banklady-Film

Gestern war für meinen  Mann und mich Kino-Zeit: Wir wollten „Banklady“ sehen. Der Film startete bundesweit am vergangenen Donnerstag (27. März 2014). Nicht nur wegen des von mir heißgeliebten Schauspielers Charly Hübner fieberte ich „Banklady“ schon lange entgegen. Ich war auch unglaublich gespannt auf die Geschichte, die von der ersten Bankräuberin Deutschlands handelt: Gisela Werler. Die junge Frau aus einfachen Verhältnissen lebte noch im Alter von 30 Jahren bei ihren Eltern und arbeitete in einer Tapetenfabrik. Eines Tages lernte sie den Taxiunternehmer Hermann Wittorff kennen und verliebte sich Hals über Kopf in ihn. In den Jahren 1965 bis 1967 verübten sie gemeinsam  insgesamt 19 Banküberfälle. Die „Banklady mit den schönen Beinen“ avancierte zum Medienstar. 1967 wurde das Verbrecherpaar schließlich gefasst und verurteilt. 1968 heiratete Gisela Werler ihre große Liebe Hermann im Gefängnis.  Jedem Romanautor hätte man das wohl als unglaubwürdig vor die Füße geworfen. Doch die besten Geschichten schreibt nun einmal das Leben… 2003 starb die Banklady in Hamburg.

Nadeshda Brennicke spielt die Rolle der Gisela Werler grandios. Sie verkörpert glaubhaft das graue Mäuschen  – ohne Make-Up, in Arbeiterkluft und mit wenig schmeichelhafter Frisur. Bei den Banküberfällen allerdings strahlt sie mit blonder Perücke, schicker Kleidung und übergroßer Sonnenbrille Glamour und Eleganz pur aus. „Geld her, bitte!“, sagt sie höflich. An ihrer Seite brilliert Charly Hübner als Hermann Wittorff, der von der großen Freiheit träumt, in Wirklichkeit aber ein braver Familienvater ist. Große Emotionen und jede Menge Waffen dominieren diesen wirklich wunderbaren Film, der den Zuschauer mit stilechter Requisite und glaubhaften Dialogen (Würde beispielsweise heute noch jemand  „Aber dalli!“ sagen, um zur Eile zu mahnen?) in die Sechziger Jahre zurückversetzt.

Wir waren begeistert vom Film. Leider waren außer uns nur sieben weitere Zuschauer im Kinosaal. Schade, denn „Banklady“ stellt als außerordentlich gelungene Mischung aus Action, Drama und Romanze unter Beweis, wie großartig ein deutscher Film sein kann.

Das Buch zum Film: „Banklady“ von Claudia Kühn, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch

Ein Klick auf das Bild führt zur Verlagsseite von Kiepenheuer & Witsch

Ein Klick auf das Foto führt zum Buch bei Kiepenheuer & Witsch

 

Frisch rezensiert: „Schneetreiben“ von Sandra Gladow

Dieser Krimi hat es in sich!

Sterne: 5 von 5

Lübeck in der Vorweihnachtszeit: Mitten im geschäftigen Trubel fällt den Passanten in einer Einkaufsstraße eine Frau vor die Füße, herabgestürzt von einem Balkon. Alles deutet auf Selbstmord hin. Furchtbare Wahnvorstellungen und Psychosen scheinen der verzweifelten Hanna Frombach keinen anderen Ausweg geboten zu haben. Doch im Zuge der Ermittlungen werden Zweifel laut: Könnte es sein, dass hinter dem Sturz ein Mord steckt?

„Schneetreiben“ ist bereits der dritte Kriminalroman von Autorin und Staatsanwältin Sandra Gladow. Für mich war ihr aktuelles Buch allerdings eine Premiere. Und was für eine! Dieser Krimi hat es wirklich in sich! Schaurige Momente und das stimmungsvolle winterliche Lübeck lassen den Leser frösteln und führen dazu, dass man sich unweigerlich fester in die Sofadecke kuschelt. Die Figuren wirken unglaublich lebendig – in erster Linie das ungleiche, aber zutiefst amüsante Ermittler-Duo Theodor „Teddy“ Braun und Ben Bendt. Wobei angemerkt werden muss: Amüsant, aber keinesfalls albern! Die Hauptfigur, Staatsanwältin Anna Lorenz, wirkte beruflich ein wenig unnahbar. Sympathiepunkte konnte sie sich bei mir aber durch ihre verletzliche Seite im Privatleben erwerben.

Besonders beeindruckt hat mich der intelligente und wohlüberlegte Plot. An keiner Stelle erscheint die Geschichte unglaubwürdig oder inszeniert. Spätestens bei der Danksagung am Ende des Buches wird klar, warum: Sandra Gladow hat hervorragend recherchiert. Sie verzichtet auf Räuberpistolen aller Art und lässt dadurch die Krimihandlung authentisch wirken. Die Autorin hat eine ruhige, nüchterne, aber dennoch enorm fesselnde Schreibweise, die dazu führt, dass ausschließlich höhere Gewalt eine Lesepause rechtfertigt. Wer „Schneetreiben“ liest, wird sich auf gar keinen Fall langweilen. Das ist einerseits durch die Vielfalt begründet, die dieser Krimi bietet und andererseits dem zielstrebigen und temporeichen Erzählstil von Sandra Gladow zu verdanken.

Ich bin  begeistert von diesem Kriminalroman, der in einzelnen Sequenzen echte Thriller-Qualitäten aufweist. Schon nachdem ich etwa bei der Hälfte des Buches angelangt war, habe ich meinen literarischen Wunschzettel aufgestockt: Mit „Eiswind“ und „Gewitterstille“ muss ich unbedingt die beiden Vorgängerromane von „Schneetreiben“ lesen, in denen die Staatsanwältin Anna Lorenz die Hauptrolle spielt.

Schneetreiben© Aufbau Verlag

„Schneetreiben“ habe ich im Rahmen einer von der Autorin begleiteten Leserunde bei Lovelybooks gelesen. Herzlichen Dank an Sandra Gladow, den Aufbau Verlag und Lovelybooks!

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Zum Buch auf www.amazon.de: „Schneetreiben“

Zur Homepage der Autorin: Sandra Gladow

Zur Homepage des Verlags: Aufbau Verlag

Zur Leserunde bei Lovelybooks: „Schneetreiben“