Veröffentlicht in Absolute Schätze, Meine Rezensionen (außer Vorablesen.de)

Frisch rezensiert: „Ein Anderer“ von Sabine Huttel

Ein schmerzhaft schönes Buch über einen, der anders ist

Meine Bewertung: ★★★★★

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© Sabine Huttel/tredition

Es gibt sie, diese Bücher, in die man hineinfällt, die einen Zeit und Raum, ja, alles um einen herum vergessen lassen. „Ein Anderer“ von Sabine Huttel ist einer dieser seltenen Schätze.

In ihrem aktuellen Roman erzählt die in Berlin lebende Autorin die Lebensgeschichte von Ernst Kroll. Ernst wird kurz vor dem Ersten Weltkrieg in der thüringischen Provinz geboren. Bald schon fällt auf, dass mit dem Jungen etwas nicht stimmt. Geistig und körperlich eingeschränkt, wächst er kaum und ist in seiner Entwicklung stark beeinträchtigt. Während die Mutter trotz aller Strenge nachsichtig mit dem Kleinen umgeht, kann der Vater den Umstand, dass sein Sohn ein „Kretin“ ist, nicht akzeptieren.

Doch der Junge beißt sich durch. Mit großer Mühe lernt Ernst lesen und schreiben und versucht zu helfen, wo er nur kann.

Parallel zu den Ereignissen der wechselvollen Geschichte Deutschlands erlebt der Leser Ernsts Entwicklung hautnah mit.

Sabine Huttel besitzt die wundervolle Gabe, so bildhaft zu erzählen, dass sich das Buch wie ein Film vor dem geistigen Auge des Lesers abspielt. Trotz aller Not, aller Mühen und Entbehrungen, die Ernsts Familie hinnehmen muss, lässt sie ihre Leser durch die Augen ihrer Hauptfigur die kleinen Dinge des Lebens betrachten, und beschreibt diese mit Hingabe und Sinnlichkeit: das Gefühl von wärmenden Sonnenstrahlen auf der Haut, der Duft eines noch ofenwarmen Kuchens, der Sommerwind, der durch die alte Linde beim Pfarrhaus streicht … Wer kann da ernsthaft behaupten, dass Ernst dumm ist, blödsinnig oder gar „unwertes Leben“, wie es die Nazis einst so fürchterlich formulierten?

„Ein Anderer“ ist ein schmerzhaft schönes Buch, das an sämtlichen Gefühlen rüttelt. Mal schüttelt man ungläubig den Kopf, mal schmunzelt man über Ernst und seine Sicht der Dinge, dann wieder ist man schockiert, beschämt oder den Tränen nah.

Sabine Huttel zeichnet ihre Figuren mit bemerkenswerter Schärfe. Obwohl man im Buch zahlreichen Dorfbewohnern und Verwandten von Ernst begegnet, ist ein Personenverzeichnis vollkommen unnötig, denn jede ihrer handelnden Personen ist schlichtweg unverwechselbar.

Das Auftauchen aus diesem Buch fällt schwer, so mitreißend und intensiv ist die Lebensgeschichte des Ernst Kroll.

Deshalb bleibt mir nach den fast 400 packenden Seiten nur eins zu sagen: Danke, Sabine Huttel, für dieses eindringliche Leseerlebnis!

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Zum Buch auf der Homepage von tredition: „Ein Anderer“

Zur Homepage der Autorin: Sabine Huttel

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Veröffentlicht in Verfilmt - Bücher in Kino & TV

Erst erschienen und schon verfilmt: Weihnachtlicher TV-Tipp!

Es war vor gut zwei Wochen in der Nürnberger Bahnhofsbuchhandlung: Magisch wurde ich von einem weihnachtlichen Roman angezogen, der mich seither zu verfolgen scheint. Und heute Abend wird dessen Verfilmung gar erstmalig im Fernsehen ausgestrahlt – obwohl das Buch erst am 20. November 2014 erschienen ist. Die Rede ist von „Alle unter eine Tanne“ aus der Feder des in Berlin lebenden Autors Lo Malinke. Er erzählt darin die humorvolle Geschichte einer scheinbar heilen Familie zur Weihnachtszeit – doch irgendwann beginnt der Putz der nach außen hin ach so perfekten Fassade zu bröckeln…

Alle unter eine Tanne© S. FISCHER Verlage

Mehr über den Roman „Alle unter eine Tanne“ erfahrt Ihr auf der Homepage der Fischerverlage.

Die Verfilmung läuft heute zur besten Sendezeit um 20:15 Uhr im Ersten. In einer der Hauptrollen ist der grandiose Michael Gwisdek zu sehen, den ich vor zwei Jahren auf der Leipziger Buchmesse live erleben durfte.

Na dann: Viel Spaß beim Film!

Veröffentlicht in Meine Rezensionen (außer Vorablesen.de), Rezensionsexemplare

Frisch rezensiert: „Töchter des Nordlichts“ von Christine Kabus

Wortgewaltige Familiensaga

Sterne: 4 von 5

Die Kindergärtnerin Nora lebt in Oslo und will nach fünfunddreißig Jahren endlich ihren Vater kennenlernen. Sie erfährt, dass ihre Wurzeln hoch oben in Norwegen liegen, bei einem Nomaden-Volk, das noch bis in die heutige Zeit hinein um seine Anerkennung kämpfen muss: Die Sami. Für die Großstädterin Nora ist ihre Reise in die schneereiche Finnmark ein Schritt in eine völlig neue Welt: Die Menschen hier leben gänzlich anders als in der norwegischen Hauptstadt. Nora steht plötzlich zwischen zwei Kulturen – und wird schließlich mit vielen Überraschungen sowie einem lang gehüteten Familiengeheimnis konfrontiert…

Der Roman „Töchter des Nordlichts“ von Christine Kabus ist nach „Im Land der weiten Fjorde“ bereits das zweite Buch, in dem sich die deutsche Autorin dem rauen Charme Norwegens widmet. Sie lässt sich viel Zeit beim Erzählen einer faszinierenden Geschichte, die sich in zwei unterschiedliche Handlungsstränge aufteilt: Kapitelweise und damit kurzweilig für den Leser wechseln sich das Leben von Hauptperson Nora im Jahr 2011 und das des zu Anfang 9-jährigen Sami-Mädchens Àilu anno 1915 ab. Christine Kabus fliegt mühelos zwischen den beiden Epochen hin und her. Stets findet sie die richtigen Worte, um die jeweilige Zeit und die spezielle Stimmung eindrucksvoll wiederzugeben. Mit ihrer atmosphärischen Erzählweise sorgte sie in meinem Fall dafür, dass sich schon bald das Fernweh und die Neugier auf das mystische Nordlicht einstellten. Für ihre Protagonisten hält sie überraschende Wendungen bereit. Hin und wieder baut die Autorin regelrechte Cliffhanger zwischen den einzelnen Kapiteln ein, die für allerhand Spannung sorgen. Die Vielzahl der Charaktere und deren Beziehungsgeflecht stiftet mitunter ein wenig Verwirrung. Als recht hilfreich erweist sich dabei der Familienstammbaum zu Beginn des Buches. Geschichtliche Ereignisse rund um Norwegen und eindrucksvolle Einblicke in die ursprüngliche Lebenswelt der Sami runden diesen emotionalen Roman ab.

Auch, wenn sich in „Töchter des Nordlichts“ die ein oder andere Liebesgeschichte entspinnt, ist dieses Buch keinesfalls einem kitschigen Liebesroman gleichzusetzen. Vielmehr handelt es sich hier um eine wortgewaltige und tiefgründige Familiensaga, die den Leser mit einer Fülle an Eindrücken aus dem Norwegen von heute und früher zurücklässt.

Lesezeichen im Buch
Herzlichen Dank an Lai Media und Bastei Lübbe für das Rezensionsexemplar!

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Zum Buch bei www.amazon.de: „Töchter des Nordlichts“

Zur Homepage der Autorin: Christine Kabus

Zur Homepage des Verlags: Bastei Lübbe