Frisch rezensiert: „Ein Anderer“ von Sabine Huttel

Ein schmerzhaft schönes Buch über einen, der anders ist

Meine Bewertung: ★★★★★

Ein Anderer.jpg
© Sabine Huttel/tredition

Es gibt sie, diese Bücher, in die man hineinfällt, die einen Zeit und Raum, ja, alles um einen herum vergessen lassen. „Ein Anderer“ von Sabine Huttel ist einer dieser seltenen Schätze.

In ihrem aktuellen Roman erzählt die in Berlin lebende Autorin die Lebensgeschichte von Ernst Kroll. Ernst wird kurz vor dem Ersten Weltkrieg in der thüringischen Provinz geboren. Bald schon fällt auf, dass mit dem Jungen etwas nicht stimmt. Geistig und körperlich eingeschränkt, wächst er kaum und ist in seiner Entwicklung stark beeinträchtigt. Während die Mutter trotz aller Strenge nachsichtig mit dem Kleinen umgeht, kann der Vater den Umstand, dass sein Sohn ein „Kretin“ ist, nicht akzeptieren.

Doch der Junge beißt sich durch. Mit großer Mühe lernt Ernst lesen und schreiben und versucht zu helfen, wo er nur kann.

Parallel zu den Ereignissen der wechselvollen Geschichte Deutschlands erlebt der Leser Ernsts Entwicklung hautnah mit.

Sabine Huttel besitzt die wundervolle Gabe, so bildhaft zu erzählen, dass sich das Buch wie ein Film vor dem geistigen Auge des Lesers abspielt. Trotz aller Not, aller Mühen und Entbehrungen, die Ernsts Familie hinnehmen muss, lässt sie ihre Leser durch die Augen ihrer Hauptfigur die kleinen Dinge des Lebens betrachten, und beschreibt diese mit Hingabe und Sinnlichkeit: das Gefühl von wärmenden Sonnenstrahlen auf der Haut, der Duft eines noch ofenwarmen Kuchens, der Sommerwind, der durch die alte Linde beim Pfarrhaus streicht … Wer kann da ernsthaft behaupten, dass Ernst dumm ist, blödsinnig oder gar „unwertes Leben“, wie es die Nazis einst so fürchterlich formulierten?

„Ein Anderer“ ist ein schmerzhaft schönes Buch, das an sämtlichen Gefühlen rüttelt. Mal schüttelt man ungläubig den Kopf, mal schmunzelt man über Ernst und seine Sicht der Dinge, dann wieder ist man schockiert, beschämt oder den Tränen nah.

Sabine Huttel zeichnet ihre Figuren mit bemerkenswerter Schärfe. Obwohl man im Buch zahlreichen Dorfbewohnern und Verwandten von Ernst begegnet, ist ein Personenverzeichnis vollkommen unnötig, denn jede ihrer handelnden Personen ist schlichtweg unverwechselbar.

Das Auftauchen aus diesem Buch fällt schwer, so mitreißend und intensiv ist die Lebensgeschichte des Ernst Kroll.

Deshalb bleibt mir nach den fast 400 packenden Seiten nur eins zu sagen: Danke, Sabine Huttel, für dieses eindringliche Leseerlebnis!

→ Interessante Links

Zum Buch auf der Homepage von tredition: „Ein Anderer“

Zur Homepage der Autorin: Sabine Huttel

Advertisements

Frisch rezensiert: „Rübermachen“ von Ingmar und Juliane Stadelmann

Ein australischer Sittich und die letzten Tage der DDR

Meine Bewertung: ★★★★

Rübermachen.jpg

© Verlagsgruppe Droemer Knaur

Mit dem Eingesperrtsein kennt er sich aus: BöRDie, ein australischer Großsittich, den es von Down Under ausgerechnet in die bröckelnde DDR verschlägt. Die Zeiten sind unruhig: Obwohl die Mauer zwar bereits gefallen ist, steht die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten noch aus. Bei Familie Günthersen in Sandelshausen findet BöRDie sein neues Zuhause. Gemeinsam mit Rainer, Hedda, Hanno, Jana und Oma Trudi erlebt der schräge Vogel viele skurrile Abenteuer und den Aufbruch in eine neue Zeitrechnung.

Der Kabarettist und Comedian Ingmar Stadelmann und seine Schwester Juliane haben mit „Rübermachen“ im wahrsten Sinne des Wortes einen „Roman aus der Vogelperspektive“ – so lautet auch der Untertitel – verfasst. Erschienen ist das 272 Seiten starke Buch am 2. Mai 2017 bei der Verlagsgruppe Droemer Knaur. Die Hauptfigur, der Sittich BöRDie, schlüpft in die Rolle des Erzählers. Manchmal kommt er ein wenig selbstverliebt daher, aber sympathisch ist der gefiederte Einwanderer allemal. Seine verwunderten Reaktionen auf die DDR, ihre Bewohner und deren Gepflogenheiten sorgen für einige Lacher. Dabei kommt das Autoren-Duo nicht gänzlich ohne Vorurteile aus. Die in der DDR beliebte Freikörperkultur dehnt das Geschwisterpaar sehr weit, denn Vater Rainer ist Mitglied im Nackt-Kegelclub. Auch die kollektive Ratlosigkeit bei der ersten Begegnung mit einer Artischocke ist bezeichnend. Allerdings führen die Geschwister Stadelmann ihre Protagonisten nicht vor. Sie necken sie eher mit einem liebevollen Augenzwinkern.

Die aufregende Zeit des Umbruchs, die viele Chancen, aber auch eine Menge Ungewisses bereithält, haben die Autoren mit einer unglaublichen Authenzität eingefangen.

Obwohl sich der Humor durch diese Familiengeschichte zieht wie ein roter Faden und sich schmissige Dialoge mit herrlich kuriosen Szenen abwechseln, gibt es auch leisere Töne und mitunter sogar Passagen, die nachdenklich stimmen. Deshalb ist „Rübermachen“ mehr als nur leichte Lesekost zum Zeitvertreib. Mit ihrem heiteren Roman haben Ingmar und Juliane Stadelmann einer ganz besonderen Zeit in der Geschichte Deutschlands ein kleines Denkmal gesetzt.

→ Interessante Links

Zum Buch auf der Homepage des Verlags: „Rübermachen“

Zur Homepage des Autors: Ingmar Stadelmann

6 Jahre buchstabenfaengerin – 6 ganz besondere Bücher

6 Jahre

Schock­schwe­re­not! Wo ist bloß die Zeit geblieben? Heute feiert mein Blog buchstabenfaengerin seinen 6. Geburtstag. Dabei kommt es mir so vor, als hätte ich erst vorgestern mit der Bloggerei angefangen.

Passend zum 6. Blog-Jahrestag widme ich heute 6 ganz besonderen Büchern aus sämtlichen Dekaden meines Leser-Lebens meine Aufmerksamkeit. Kommt mit mir auf eine kleine literarische Entdeckungsreise! (Klickt für weitere Informationen einfach das jeweilige Buchcover an.)

Ein Buch, bei dem ich geweint habe

Perth© dtv

Zugegeben, mir kommen beim Lesen eines Buchs oder beim Anschauen eines Films wirklich selten die Tränen. (Okay, von „Titanic“ einmal abgesehen, denn das Schicksal von Jack und Rose hat auch nach dem gefühlt hundertsten Kinobesuch meinen Taschentuchverbrauch exorbitant ansteigen lassen.)

Ein Buch, bei dem ich die Tränen allerdings nicht zurückhalten konnte, war „Perth. Aus dem Leben eines Beagles“. 21 Jahre lebt die Beaglehündin in der Familie des Autors Peter Martin – und in dieser Zeit erleben die Martins mit Perth eine Menge!

Die Geschichte ging mir sehr zu Herzen – was freilich daran liegen mag, dass mein Leben seit 14 Jahren von diesen dickköpfigen, aber unendlich zauberhaften Schlappohrträgerinnen bestimmt bereichert wird.

Mein erster Krimi

Tödliche SturmflutFoto: buchstabenfaengerin/Cover: Schneider-Buch

Ein Junge und seine Freunde in einem abgelegenen Haus an der sturmumtosten Nordseeküste … Keine Frage: „Tödliche Sturmflut“ von Rainer Leukel ist schuld daran, dass aus mir eine leidenschaftliche Krimi- und Thrillerleserin geworden ist. Die düstere Atmosphäre dieser spannenden Geschichte für Jugendliche hat mich damals schwer beeindruckt – und tut es bis heute.

Mein absolutes Lieblingsbuch

9783843700832_cover.jpg
© Ullstein Buchverlage

… ist zu meinem eigenen Erstaunen kein Krimi, auch kein Thriller, sondern ein Roman, der zur Wendezeit in einem Bauerndorf spielt: „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“. Das Debüt von Daniela Krien erschien 2011 – also in dem Jahr, in dem auch mein Blog das Licht der Welt erblickte. Aber das ist nicht der Grund, warum mich dieses Buch so fasziniert. Es ist die poetische Erzählweise der Autorin und der Fakt, dass mich diese Geschichte mit Wucht in meine Kindheit zurückkatapultiert hat.

Ein Buch, das mit Volldampf in die Ecke geflogen ist

TrotzkopfFoto: buchstabenfaengerin/Cover: TOSA Verlag

Ich weiß nicht mehr, wie alt ich war, als ich mir tatendurstig die vollständige Ausgabe des „Trotzkopf“ von Emmy von Rhoden und Else Wildhagen vornahm. Meiner Kleinmädchenschrift im Innenteil des Buches nach zu urteilen, die wichtig verkündet >Dieses Buch gehört: Stephanie Neumaier<, höchstens elf Jahre. Eifrig begann ich zu lesen. Doch schon beim neunten Wort gerieten meine Bemühungen ins Stocken. „Ungestüm“, stand dort. Hä? Hatte ich noch nie gehört. Ich las dieses seltsame Wort wieder und wieder, versuchte es mit verschiedenen Betonungen, aber sein Sinn blieb mir verborgen. Schließlich geriet ich so in Rage, dass der „Trotzkopf“ mit seinen über 450 Seiten mit Volldampf in die nächste Ecke flog und bis heute ungelesen im Regal der Dinge harrt. Inzwischen weiß ich übrigens, was „ungestüm“ bedeutet. 🙂

Ein Buch, das mich zur Serientäterin gemacht hat

Die Zahlen der Toten.jpg© S. FISCHER Verlag GmbH

Es gibt so einige Krimi- und Thrillerreihen, die ich begeistert lese. Aber Linda Castillos Bücher um Polizeichefin Kate Burkholder, die in der Welt der Amischen ermittelt, haben seit Anfang an einen besonders hohen Stellenwert bei mir. Wenn ich durch die Verlagsvorschauen stöbere und dabei Neues aus der Burkholder-Reihe entdecke, wird der „Vorbestellen“-Button in Rekordzeit geklickt. Die glühende Verehrung für die Bücher mit Kate Burkholder teile ich übrigens mit meiner Großcousine Antje. In unserer Familie fließt eben reinstes Thriller-Blut. 🙂

Ein Kochbuch fürs Leben

Kochen© Buchverlag für die Frau

Die erste Auflage von „Kochen“ erschien zwei Jahre vor meiner Geburt und war in der DDR ein echter Knaller. Ich besitze die 31. Auflage aus dem Jahr 2008 und schwöre auf dieses Standardwerk, denn es enthält nicht nur eine schier endlose Anzahl der verschiedensten Rezepte. Besonders gefällt mir, dass in diesem Buch keine bloßen „Bastelanleitungen“ à la „… und jetzt köcheln wir das Ganze in exakt vierzehneinhalb Minuten auf Stufe 3“ enthalten sind, sondern der Koch selbst gefordert ist, indem er die Anweisung „kochen, bis es gar ist“ beherzigt. Mein absolutes Highlight: Die Kochklopse mit Kaperns0ße auf Seite 63.


Nun werde ich im Stillen ein wenig feiern, denn turbulent und aufregend wird es in der nächsten Woche: Am kommenden Donnerstag beginnt die Leipziger Buchmesse und ich werde selbstverständlich mit von der Partie sein. Mein Messetagebuch erwartet Euch, es wird viele exklusive Einblicke, Interviews und Eindrücke geben – und natürlich auch wieder das bewährte Gewinnspiel. 🙂

Frisch rezensiert: „Blutspuren“ von Hans Girod

Härter als jeder Krimi

Meine Bewertung: ★★★★★

Etwa 15 Jahre ist es her, dass ich mit „Das Ekel von Rahnsdorf“ das erste Buch von Hans Girod regelrecht verschlungen habe. Diese Sammlung von authentischen DDR-Mordfällen, von denen die Öffentlichkeit einst so gut wie nichts erfuhr, fesselte mich vom ersten Satz an. Auch Girods Bücher „Der Würger von Plauen“, „Der Kreuzworträtselmord“ und „Der Kannibale“ habe ich mit ungebrochenem Interesse gelesen.

Der 1937 geborene Jurist war bis zum Jahr 1994 an der Humboldt-Universität in Berlin als Dozent für Spezielle Kriminalistik tätig. In „Blutspuren“ berichtet der Experte erneut über Gräueltaten, die sich in der ehemaligen DDR zugetragen haben.

Insgesamt acht Mordfälle stellt Hans Girod in „Blutspuren“ einzeln vor. Er erzählt nüchtern, in sachlichem Ton und niemals sensationslüstern. Ganz im Gegenteil: Mit interessanten Fakten rund um Ermittlungsmethoden, die Arbeit der Volkspolizei, die DDR-Kriminalstatistik und die damals vorherrschende Rechtslage ergänzt er seine bildhaft beschriebenen Darstellungen, die nichts für zartbesaitete Gemüter sind – schon allein deshalb, weil es sich bei der Hälfte der wiedergegebenen Fälle um Morde an Kindern handelt.

Tatortfotos, Auszüge aus Vernehmungsprotokollen sowie Zeitungsartikel verleihen den furchtbaren Taten eine zusätzliche Authenzität und machen sie damit für den Leser noch greifbarer.

Darüber hinaus fängt Hans Girod in seinen Schilderungen eindrucksvoll den Zeitgeist und den Alltag in der DDR ein. Insofern dokumentieren seine Bücher nicht ausschließlich Mordfälle, sondern auch ein Stück Zeitgeschichte. Der Autor thematisiert die Haftbedingungen im einstigen Arbeiter- und Bauernstaat ebenso wie die Todesstrafe, die bis 1987 in der DDR gesetzlich verankert war.

Inzwischen gibt es zahlreiche Autoren, die sich den authentischen DDR-Mordfällen im wahrsten Sinne des Wortes verschrieben haben. Hans Girod war der Pionier auf diesem Gebiet, an dessen Stil keiner der übrigen Schriftsteller, deren Bücher ich bisher zu diesem Thema gelesen habe, heranreicht.

Blutspuren © Verlag Das Neue Berlin

→ Interessante Links

Zum Buch auf Amazon.de: „Blutspuren“

Zum Buch auf der Homepage des Verlags: „Blutspuren“ – Verlag „Das Neue Berlin“

Zur Homepage des Autors: Hans Girod

25 Jahre Mauerfall: Meine liebsten Kinderbücher aus Ost und West

An einem Novembertag im Jahr 1981 wurde ich in einer Stadt geboren, die es heute nicht mehr gibt – zumindest dem Namen nach: „Karl-Marx-Stadt“ steht als Geburtsort in meinem Personalausweis. Heute heißt die Stadt wieder so, wie sie bereits vor ihrer Umbenennung 1953 hieß: Chemnitz.

Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, hatte ich gerade meinen 8. Geburtstag gefeiert. Ich erinnere mich an eine bewegte Zeit, vor allem an die aufregenden Montagsdemonstrationen, zu denen mich meine Eltern mitnahmen und die „Stasi raus!“-Rufe der Menge. Was der Mauerfall zu bedeuten hatte, verstand ich nicht so recht. Meine Familie erklärte mir, dass wir von nun an unsere nahe Frankfurt am Main lebenden Verwandten jederzeit besuchen können. Ich begriff.

Und heute, 25 Jahre später, bin ich 33 Jahre alt und schwelge zum Mauerfall-Jubiläum in Erinnerungen. Als passionierter Bücherwurm möchte ich Euch deshalb mit auf eine kleine Zeitreise nehmen und Euch meine liebsten Kinder- und Jugendbücher aus Ost und West vorstellen.

Alfons Zitterbacke (Ost)

Kurz und knapp: „Alfi“ war der Held meiner Kindheit. Ich habe die Geschichten des sympathischen Tollpatschs so sehr geliebt, dass ich mir als Erwachsene unbedingt das Hörspiel zulegen musste. Meine unangefochtene Lieblings-Episode aus dem Buch war und ist übrigens diejenige, in der Alfons Geisterbahn fährt.

Strolchi rettet Haus und Hof (West)

Mein Exemplar, 1984 erschienen, sieht ziemlich ramponiert aus – ein Beleg dafür, dass ich äußerst oft und gern in diesem Buch geblättert habe. Die liebevollen Zeichnungen und die schier atemlose Spannung, die in mir aufkam, als der freche Welpe Strolchi ein Feuer in seinem Wohnhaus bemerkt, machten dieses Werk aus dem Hause Disney zu einem meiner absoluten Lieblinge – bis heute!

IMG_0907

Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt (Ost)

Als gedrucktes Exemplar hat mir die rasante Geschichte so manchen Kindheitstag versüßt – jetzt, im Erwachsenenalter, erfreue ich mich am Hörbuch. Immer dann, wenn sich die Mannschaft der Feuerwehr zur Pause begeben möchte, fordert ein neuer Einsatz die Retter. „Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt“ ist ein sehr kurzweiliges Abenteuer mit faszinierenden Persönlichkeiten wie Oma Eierschecke und Löschmeister Wasserhose.

IMG_0906-0

Tödliche Sturmflut (West)

Ein Junge aus unserer Westverwandtschaft überließ mir einst dieses Buch – und löste damit wohl meine Vorliebe für Krimis und Thriller aus. Die bedrohliche Atmosphäre hat mich vollkommen in den Bann dieser gruseligen Geschichte geschlagen. Als ich vor wenigen Jahren „Das Nebelhaus“ von Eric Berg las, fühlte ich mich ein wenig an „Tödliche Sturmflut“ erinnert.

IMG_0903

So ein Struwwelpeter (Ost)

Den Struwwelpeter gibt es in zig verschiedenen historischen und modernen Ausführungen. Als Kind der DDR war und ist mein Liebling natürlich der, den Hansgeorg Stengel und Karl Schrader ins Leben gerufen haben. Die Geschichten von der faulen Angelika, der Daumenlutscherin Sybille, dem fernsehkranken Frank und anderen ungezogenen Kindern liebt auch mein 4-jähriger Neffe heiß und innig. Wir schmökern zu gerne gemeinsam in diesem Buch.

IMG_0909-0

Zum Schluss noch eine Anekdote aus den Anfängen meiner Laufbahn als Vielleserin: Ich bekam das Buch „Trotzkopf“ geschenkt. Hochmotiviert ob des umfangreichen Wälzers begann ich zu lesen – und scheiterte schon in der zweiten Zeile: Dort stand das Wort „ungestüm“. Ich las es etwa zwanzig mal, ohne dass sich mir dessen Bedeutung erschloss. Schließlich wurde ich so wütend, dass ich das Buch in die Ecke gepfeffert habe. Ich muss gestehen: Bis heute steht es ungelesen im Regal. Aber die Filmversion mit Anja Schüte ist sehr sehenswert! 🙂

IMG_0904

IMG_0910

Frisch rezensiert: „Waidmannstod“ von Maxim Leo

IMG_9850

Einzigartiger Herbst-Krimi

Sterne: 5 von 5

Die Mark Brandenburg gehörte bislang zu den eher weißen Flecken auf der Krimi-Landkarte. Doch nun hat dieser Landstrich mit Daniel Voss, seines Zeichens Leiter der Mordkommission Bad Freienwalde, und seinen Kollegen ein markantes Ermittlerteam, das Fans der Kriminalliteratur begeistern wird. Daniel Voss ist gebürtiger Brandenburger und kehrt seiner Wahlheimat Stuttgart den Rücken, als sein Vater stirbt. Die polnische Pflegerin Maja hilft Voss, sich um die kranke Mutter zu kümmern.

Der erste Mord lässt im vergleichsweise dünn besiedelten Landkreis Märkisch-Oderland dann nicht lange auf sich warten: Ein Jäger wird während einer Treibjagd im Sternekorper Forst erschossen und wie ein erlegtes Wildtier ausstaffiert. Voss‘ Befürchtungen, er würde sich auf dem platten Land langweilen, bestätigen sich nicht im Geringsten…

Der Journalist und Autor Maxim Leo legt mit „Waidmannstod“ einen unverwechselbaren Debüt-Krimi vor. Unaufgeregt, vielschichtig und sachlich erzählt er von der Suche nach einem Mörder, der sich in Jagdkreisen bestens auszukennen scheint. Die Atmosphäre dieses Krimis ist einzigartig und macht dieses Buch zu etwas ganz Besonderem. Maxim Leo fängt den Herbstwald so gekonnt ein, dass man das feuchte Laub beinah unter den Füßen spürt. Auch die Beschreibung der umliegenden Orte lässt mühelos klare Bilder im Kopf des Lesers entstehen.

„Waidmannstod“ transportiert eine ganz eigene Stimmung – eine gelungene Mischung aus Wehmut, Melancholie und Stille. Die raue Herzlichkeit der Bewohner der Mark Brandenburg, die Vergangenheit – insbesondere zu DDR-Zeiten – und aktuelle Probleme greift Maxim Leo auf sehr reale Weise auf. Die Figuren sind interessant, unterhaltsam und würzen die Story – auch (oder vielmehr gerade) wegen ihrer Besonderheiten, die vor allem Hauptkommissar Daniel Voss vorweist.

„Waidmannstod“ ist eine Geschichte, die mit Spannung und einer Vielzahl an potenziellen Tätern den Rätsel-Instinkt des Lesers herausfordert und außerdem weit über den Tellerrand des eigentlichen Kriminalfalls hinausblickt. Maxim Leo kommt dabei vollständig ohne Längen aus, die beim Publikum für Ermüdungserscheinungen sorgen könnten. Letztlich sind die 288 Seiten viel zu schnell gelesen. Doch es besteht Hoffnung auf weitere Morde in der Mark Brandenburg (Natürlich nur literarisch!): Der Untertitel des Buches: „Der erste Fall für Kommissar Voss“ deutet darauf hin, dass weitere folgen werden. Hoffentlich!

9783462046762_10© Kiepenheuer & Witsch

→ Interessante Links

Zum Buch auf http://www.amazon.de: „Waidmannstod“

Zum Wikipedia-Eintrag über den Autor: Maxim Leo

Zur Homepage des Verlags: Kiepenheuer & Witsch

Frisch rezensiert: „Kindsleiche im Ofen“ von Eveline Schulze

Fesselnd,  unfassbar, authentisch: Drei wahre Kriminalfälle aus der DDR

Sterne: 4 von 5

Eins vorweg: Ich lese mit sehr großem Interesse Bücher über authentische Kriminalfälle – und ganz besonders solche, bei denen Taten im Fokus stehen, die sich in der ehemaligen DDR ereignet haben. Die Bücher von Eveline Schulze haben mich bislang nie enttäuscht. Auch „Kindsleiche im Ofen“ ist ein Werk aus der Feder der einstigen Görlitzer Kripo-Mitarbeiterin, das mich durchweg gefesselt hat und das ich im Rekordtempo gelesen habe.

Die Autorin berichtet in ihrem Buch auf 192 Seiten von drei Fällen, die sich allesamt im sächsischen Görlitz zugetragen haben. Sie erzählt nüchtern, detailreich und bildhaft. Dabei bringt sie dem Leser den Alltag in der DDR nahe, erklärt sachlich Hintergründe und geht auf die Polizeiarbeit im damaligen Arbeiter- und Bauernstaat ein.

Ohne seitenweise sämtliche Kriminalstatistiken zu bemühen, steigt die Autorin direkt in die Fälle ein. Das ist ein Grund, warum ich so gern zu den Büchern von Eveline Schulze greife. Ein anderer ist, dass die angenehme Erzählweise einem Roman gleicht und sich nicht im Duktus eines Sachbuchs verliert.

Von den Fällen an sich möchte ich hier gar nicht zuviel verraten. Sie sind alle drei so spannend wie unfassbar, besonders natürlich die grausame Tat, die dem Buch seinen Namen gab. Bemerkenswert ist, dass die Autorin einen kurzen Abriss zum weiteren Lebensweg der Täter nach Verbüßung ihrer Strafe gibt.

Was mich jedoch ein wenig gestört hat, sind die Rechtschreibfehler, die dieses Buch gar nicht nötig hat. Zudem hätte ich es als sehr günstig empfunden, wenn das jeweilige Jahr, in dem die Gräueltat geschehen ist, zu Anfang einer jeden Erzählung genannt worden wäre. So kann man bereits zu Beginn alles zeitlich besser einordnen.

Trotz dieser kleinen „Schönheitsfehler“ kann ich dieses Buch allen nur empfehlen, die einmal hinter den Schleier des Schweigens blicken wollen, den das DDR-Regime mühevoll aufrecht zu erhalten versuchte, indem es solche Taten schlichtweg nicht geben durfte.

Kindsleiche im OfenIch habe „Kindsleiche im Ofen“ auf dem Kindle gelesen. Es ist jedoch auch als broschierte Ausgabe erhältlich.

→ Interessante Links

Zum Buch auf www.amazon.de: „Kindsleiche im Ofen“

Bericht über die Autorin und dieses Buch bei alles-lausitz.de

Zur Homepage des Verlags (mit Porträt der Autorin): Das Neue Berlin