Frisch rezensiert: „Das Scherbenhaus“ von Susanne Kliem


Nervenaufreibende Spannung bis zum Ende


Meine Bewertung: ★★★★

Das Scherbenhaus von Susanne Kliem© carl`s books

Es gibt Bücher, die im Kopf des Lesers wie ein Film ablaufen – und zwar schon vom ersten Satz an. „Das Scherbenhaus“ von Susanne Kliem gehört zweifellos in diese Kategorie.

Die Köchin Carla Brendel aus Stade steht in diesem Psychothriller im Mittelpunkt des Geschehens. Seit einiger Zeit lässt ihr ein Stalker keine Ruhe. Neben seltsamen Briefen schickt er ihr verstörende Fotos von menschlicher Haut, die mit tiefen Wunden übersät ist. Kurz darauf verschwindet Carlas Halbschwester Ellen, die in Berlin lebt. Nach einigen Tagen wird die Leiche der erfolgreichen Architektin in einem Kanal gefunden. Die Polizei legt den Fall als tragisches Unglück zu den Akten, doch Carla glaubt nicht daran. Sie gibt keine Ruhe und zieht vorübergehend in Ellens hochmoderne Wohnung ein. Dank allerfeinstem High Tech wird Carla von der Außenwelt abgeschirmt. Sie fühlt sich sicher. Doch bald schon gehen in dem Mietshaus der Luxusklasse befremdliche Dinge vor. Carla, die davon überzeugt ist, dass Ellen umgebracht wurde, befindet sich auf gefährlichem Terrain …

„Das Scherbenhaus“ erscheint heute als Paperback bei carl´s books. Das E-Book wurde bereits am 20. Februar 2017 veröffentlicht. In 22 Kapiteln erzählt Susanne Kliem auf 336 Seiten eine nervenaufreibende Story, die das Prädikat Psychothriller absolut verdient. Der Leser weiß dabei nie mehr als Carla und wird von unvorhergesehenen Ereignissen und drastischen Wendungen ebenso überrascht wie die Protagonistin. Nichts ist, wie es scheint. Wem kann Carla noch trauen? Die Spannung, in deren Zentrum diese Frage steht, hält die Autorin von Anfang bis Ende konstant auf hohem Niveau.

Mit einer starken Hauptfigur, authentischen Dialogen, einer wunderbaren Sprache und viel Atmosphäre bietet „Das Scherbenhaus“ pures Lesevergnügen und reichlich Nervenkitzel. Man kann dieses Buch nicht beiseitelegen, weil es schlichtweg Suchtpotenzial hat. Ja, diesen Satz liest man so oder so ähnlich oft in Krimi- und Thriller-Rezensionen, aber Ehrenwort: Hier stimmt er zu hundertzehn Prozent!

Allerdings hat mich eine Sache gestört, die mich lange mit mir selbst hat ringen lassen, ob ich nun vier oder fünf Sterne vergebe. Es ist die Auflösung (die ich hier natürlich NICHT verrate), denn ich halte sie für zu konstruiert. Aus diesem Grund habe ich mich nur für vier Sterne entschieden, obwohl alles andere absolut perfekt ist.

Zuvor habe ich noch kein Buch von Susanne Kliem gelesen – ein böser Fehler, wie ich mir nach der fesselnden Lektüre von „Das Scherbenhaus“ eingestehen muss, denn die in Berlin lebende Autorin versteht es meisterhaft, die Nerven der Leser aufs Äußerste zu strapazieren. Mit „Trügerische Nähe“ und „Die Beschützerin“ sind bislang neben „Das Scherbenhaus“ zwei weitere Thriller von Susanne Kliem bei carl`s books erschienen, die ich am liebsten beide auf der Stelle verschlingen würde.


logo-lbm17MESSETERMIN!

Susanne Kliem ist am Samstag, dem 25. März 2017 um 17:00 Uhr in der Glashalle beim KrimiSpeedDating des ZDF/Das Blaue Sofa anzutreffen.


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Zum Buch auf der Homepage des Verlags: „Das Scherbenhaus“

Zur Homepage der Autorin: Susanne Kliem

Frisch rezensiert: „Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk

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Und das schon im Februar: Mein Buch des Jahres 2016!

Meine Bewertung: ★★★★★

 © Rowohlt Verlag GmbH

Neues von Heinz Strunk! Diesmal befasst sich der Hamburger Autor, der im wahren Leben Mathias Halfpape heißt, nicht mit seiner eigenen Biografie, sondern mit der eines gefürchteten Verbrechers. Obwohl es sich bei dem 256-seitigen Buch um einen Roman handelt, basiert es auf Fakten. Heinz Strunk hat dafür die Staubschicht der bislang im Staatsarchiv Hamburg unter Verschluss gehaltenen Akten zum Fall Honka abgetragen und das Leben eines Mannes aufgearbeitet, den nicht wenige für das personifizierte Böse halten: Der vierfache Frauenmörder Fritz Honka, geboren in Leipzig. Sein Lebenslauf ist von einer Tragik, die ihresgleichen sucht. Aufgewachsen in Kinderheimen, floh er 1951 in den Westen. 1956 erlitt er einen Verkehrsunfall, der ihm sein deformiertes Aussehen bescherte. Alkohol und Verwahrlosung bestimmten sein weiteres Leben. Und der „Goldene Handschuh“ natürlich, eine recht urige Kneipe im berüchtigten Hamburger Stadtteil St. Pauli. Dort kehrte Honka (Spitzname: „Fiete“) regelmäßig ein, um sich sein Lieblingsgetränk „Fako“ zu genehmigen – Orangenlimonade mit Korn. Im „Handschuh“ schloss er auch Bekanntschaft mit seinen vier späteren Opfern, allesamt Damen des auf der Reeperbahn einschlägigen Milieus.

Die Sprache des Romans, gleichermaßen bestehend aus niederstem Jargon und apart-kultivierter Diktion, ist genauso gegensätzlich wie die beiden Lebenswelten von Strunks Protagonisten – Fritz Honka als Vertreter des Bodensatzes der Gesellschaft, demgegenüber die adelige Reederfamilie von Dohren. Und doch sind sie sich näher als man denkt. Denn auch unter feinen Häusern verlaufen Abwasserkanäle, wie es im Film „Saw“ heißt.

Heinz Strunk versteht es, dem Leser Sympathien für den Trinker Honka zu entlocken, ohne ihn zu glorifizieren. Das ist nicht der einzige Balanceakt, den der 53-jährige Autor spielend meistert. Die Stimmung im Buch nämlich reicht von Ausgelassenheit bis hin zu purer Verzweiflung. „Der goldene Handschuh“ deshalb mit dem Etikett „tragikomisch“ zu versehen, wäre allerdings Frevel. Diese Bezeichnung ist schlicht und ergreifend zu klein für die aberwitzige literarische Reise, auf die der Hamburger Schriftsteller und Künstler seine Leser mitnimmt. Er beschreibt Momente, die Ekel und Abscheu hervorrufen, Mitleid und Fassungslosigkeit. Aber Heinz Strunk wäre nicht Heinz Strunk, wenn er nicht ebenfalls von Dingen erzählen würde, die den Leser zu wahren Lachsalven hinreißen. Dazu kommen köstliche Dialoge, mitunter verfasst in edelstem Hamburger Schnack.

Wer dieses Buch liest, wird unweigerlich zum Zaungast im „Goldenen Handschuh“. Er schließt Bekanntschaft mit Originalen wie Soldaten-Norbert, Fanta-Rolf und Tampon-Günter, lernt beeindruckende Schimpfwörter, bekommt all die großen und kleinen Tragödien mit, die sich in der Schänke am Hamburger Berg abspielen. Er wird aber auch Zeuge von Honkas Morden, denn die beschreibt Heinz Strunk auf eindringliche Weise.

„Der goldene Handschuh“ ist in diesem Jahr für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik nominiert. Völlig verdient, wie ich finde, denn dieses Buch ist ganz und gar außergewöhnlich und sucht seinesgleichen. Ich dekoriere es schon jetzt, im noch sehr jungen Lesejahr 2016, mit der Auszeichnung „Mein Lieblingsbuch des Jahres“. Bisher haben es nur sehr, sehr wenige Bücher geschafft, mich derart zu fesseln und sich in mein Gehirn zu brennen wie Heinz Strunks neuer Roman.

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Frisch rezensiert: „Pretty Girls“ von Karin Slaughter

Brandneu

Ein intensiver Thriller, der im Kopf bleibt

Meine Bewertung: ★★★★★

Pretty Girls © HarperCollins

Die US-Amerikanerin Karin Slaughter gehört fraglos zu den ganz großen Autorinnen, an denen man als Thriller-Fan nicht vorbeikommt. Dem sehnsüchtigen Warten auf Neues aus der Slaugther’schen Feder bereitet die Verlagsgesellschaft HarperCollins Germany heute ein Ende, denn es ist soweit: Karin Slaughters neues Buch „Pretty Girls“ erscheint.

Auf 500 Seiten lernen die Leser die Familie Carroll kennen – eine Familie, die eigentlich keine mehr ist, seit die älteste Tochter Julia im März 1991 spurlos verschwand. Die Eltern ließen sich schließlich scheiden, der Vater starb später, Sandwich-Kind Lydia geriet auf die schiefe Bahn und Nesthäkchen Claire heiratete den reichen Architekten Paul Scott. Heute, mit Ende 30, muss Claire hilflos mit ansehen, wie ihr Mann in einer dunklen Gasse brutal ermordet wird. Doch sie hat kaum die Gelegenheit zu trauern. Auf dem Computer ihres verstorbenen Mannes findet sie verstörende Filme – sogenannte Snuff-Pornos. Die Opfer werden gefesselt, gequält, vergewaltigt und ermordet. Die junge Witwe ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Geringsten, dass sich ihr schreckliche Wahrheiten offenbaren werden, die jenseits der menschlichen Vorstellungskraft liegen…

Im ersten Drittel des Buches befasst sich Karin Slaughter zunächst mit der Geschichte der drei Schwestern. Dabei lässt sie es eher langsam angehen. Von nervenzerfetzender Spannung ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht viel zu spüren. Die Autorin stellt die Carolls en detail vor. Stück für Stück entsteht aus der Familientragödie schließlich ein aufreibender Thriller mit einem fulminanten Ende, das einem schaurigen Feuerwerk gleicht.

Karin Slaughter und der Übersetzer Fred Kinzel haben dafür gesorgt, dass sich das Buch flüssig lesen lässt. Das gilt sowohl für die Sprache, die Struktur als auch für die Länge der einzelnen Kapitel, die nicht zu kurz, aber auch nicht überdimensioniert sind.

All ihren Charakteren hat die Autorin den Stempel „unverwechselbar“ aufgedrückt. Sämtliche Darsteller in „Pretty Girls“ sind ausgeprägte Typen, die man vielleicht nicht auf Anhieb oder letztlich auch gar nicht sympathisch findet, doch einzigartig sind sie alle. Im Verlauf der Geschichte spielt Karin Slaughter des Öfteren Katz und Maus mit ihren Lesern, indem diese sich immer wieder einmal die Frage stellen müssen: Wer ist gut, wer ist böse? Wer ist Freund, wer ist Feind? Das sorgt durchaus für Überraschungen. Letztlich haben alle Menschen zwei Seiten – Karin Slaughter beleuchtet bei ihren Figuren auf faszinierende Weise beide.

„Pretty Girls“ ist ein logisch aufgebauter und typisch amerikanischer Thriller, bei dem auch der Gruselanteil nicht zu kurz kommt. Die intensive, bildhafte Geschichte um die drei Carroll-Schwestern wird dem Leser im Gedächtnis haften bleiben.

Für alle, die von dieser Story nicht genug bekommen können, hat Karin Slaughter noch ein Bonbon: „Tote Blumen“, die Vorgeschichte zu „Pretty Girls“, ist exklusiv als E-Book erhältlich.

Tote Blumen© HarperCollins
„Tote Blumen“ – das Prequel zu „Pretty Girls“

 

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Zum Buch bei Amazon.de: „Pretty Girls“

Zum Buch auf der Homepage von HarperCollins Germany: „Pretty Girls“

Zum Prequel auf der Homepage von HarperCollins Germany: „Tote Blumen“

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Frisch rezensiert: „Ich will es doch auch!“ von Ellen Berg

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Wo die Liebe hinfällt

Sterne: 4 von 5

Spätes Mädchen, alte Jungfer – es gibt bei weitem schmeichelhaftere Begriffe für eine Frau um die 40. Trotzdem treffen sie haargenau auf Dr. Charlotte Meininger zu. Die Enddreißigerin, die sich als angesehene Kardiologin notgedrungen in erlesener Gesellschaft bewegt, ist nämlich ohne Mann. Das macht insbesondere ihren Eltern zu schaffen, die nicht davor zurückschrecken, dem Schicksal auf die Sprünge zu helfen und den vermeintlich Richtigen für ihre einzige Tochter auszusuchen. Doch dann kommt alles ganz anders: Charlotte verliebt sich ausgerechnet in einen Klempner! Uwe nimmt sie, wie sie ist: Zwanghaft, neurotisch, spleenig und ein bisschen zu dick. Für Charlotte, die ihr Leben generalstabsmäßig durchplant und alles dem rechten Winkel unterwirft, beginnt eine aufregende und turbulente Zeit. Einzig die erlauchte Gesellschaft rümpft angesichts ihrer Partnerwahl die Nase. Und Charlotte muss sich entscheiden: Liebe oder gesellschaftliche Akzeptanz?

Ellen Berg: Dieser Name steht für temporeiche, witzige Romane und skurrile Figuren. Davon weicht die erfolgreiche Autorin auch in ihrem neuen Buch „Ich will es doch auch! – (K)ein Beziehungsroman“ nicht ab. Dr. Charlotte Meininger ist eine Protagonistin zum Niederknien: Von der ersten Begegnung an MUSS man sie einfach lieben. Auch alle anderen Personen sind herrlich überspitzt und äußerst charismatisch dargestellt. Für ihre Hauptfigur hält Ellen Berg jede Menge große und kleine Abenteuer bereit – Langeweile Fehlanzeige! Mit lockerem Zungenschlag erzählt die Autorin eine Geschichte über Liebe, Torschlusspanik und Freundschaft – und darüber, dass es im Leben oftmals ganz anders kommt, als man denkt. Doch bei allem Witz hält der Roman auch ernste, bewegende Szenen bereit, denn Charlotte berührt das Schicksal zweier ihrer todkranken Patientinnen sehr. Die Liebe zu Klempner Uwe, die für Charlotte nicht weniger ist als ein gewaltiger Befreiungsschlag aus einem einsamen Leben auf dem Reißbrett, zeigt ihr und den Lesern, wie schön die kleinen Freuden des Lebens sind – sei es ein Tanz im Regen oder ein Strauß selbst gepflückter Wiesenblumen.

Der schlagfertige Uwe hat übrigens eine Schwäche für T-Shirts mit frechen Sprüchen. Lesern, die insbesondere in sozialen Netzwerken unterwegs sind, dürften diese aber allesamt schon bekannt sein und deshalb nur noch für ein müdes Lächeln sorgen: Bei Facebook und Co. schwirren täglich Bildchen mit Aussagen wie „Bier kalt stellen ist auch irgendwie kochen“ herum. Punktabzug gibt es außerdem für eine recht unglaubwürdige Szene, in der Charlotte – aufs Fieseste hintergangen und eigentlich tief enttäuscht von ihrer sogenannten besten Freundin Antonia – sich urplötzlich mit dieser versöhnen will.

Dennoch ist „Ich will es doch auch!“ unterm Strich ein wirklich empfehlenswerter Lesespaß, der – neben irrwitzigen Begebenheiten und verrückten Charakteren – eine wirklich wichtige Botschaft in sich birgt.

Ich will es doch auch!© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Zum Buch auf http://www.amazon.de: „Ich will es doch auch! – (K)ein Beziehungs-Roman“

Zur Facebook-Seite der Autorin: Ellen Berg

Zur Homepage des Verlags: Aufbau Verlag

Zum Buch bei vorablesen.de: „Ich will es doch auch! – (K)ein Beziehungs-Roman“

Frisch rezensiert: „Waidmannstod“ von Maxim Leo

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Einzigartiger Herbst-Krimi

Sterne: 5 von 5

Die Mark Brandenburg gehörte bislang zu den eher weißen Flecken auf der Krimi-Landkarte. Doch nun hat dieser Landstrich mit Daniel Voss, seines Zeichens Leiter der Mordkommission Bad Freienwalde, und seinen Kollegen ein markantes Ermittlerteam, das Fans der Kriminalliteratur begeistern wird. Daniel Voss ist gebürtiger Brandenburger und kehrt seiner Wahlheimat Stuttgart den Rücken, als sein Vater stirbt. Die polnische Pflegerin Maja hilft Voss, sich um die kranke Mutter zu kümmern.

Der erste Mord lässt im vergleichsweise dünn besiedelten Landkreis Märkisch-Oderland dann nicht lange auf sich warten: Ein Jäger wird während einer Treibjagd im Sternekorper Forst erschossen und wie ein erlegtes Wildtier ausstaffiert. Voss‘ Befürchtungen, er würde sich auf dem platten Land langweilen, bestätigen sich nicht im Geringsten…

Der Journalist und Autor Maxim Leo legt mit „Waidmannstod“ einen unverwechselbaren Debüt-Krimi vor. Unaufgeregt, vielschichtig und sachlich erzählt er von der Suche nach einem Mörder, der sich in Jagdkreisen bestens auszukennen scheint. Die Atmosphäre dieses Krimis ist einzigartig und macht dieses Buch zu etwas ganz Besonderem. Maxim Leo fängt den Herbstwald so gekonnt ein, dass man das feuchte Laub beinah unter den Füßen spürt. Auch die Beschreibung der umliegenden Orte lässt mühelos klare Bilder im Kopf des Lesers entstehen.

„Waidmannstod“ transportiert eine ganz eigene Stimmung – eine gelungene Mischung aus Wehmut, Melancholie und Stille. Die raue Herzlichkeit der Bewohner der Mark Brandenburg, die Vergangenheit – insbesondere zu DDR-Zeiten – und aktuelle Probleme greift Maxim Leo auf sehr reale Weise auf. Die Figuren sind interessant, unterhaltsam und würzen die Story – auch (oder vielmehr gerade) wegen ihrer Besonderheiten, die vor allem Hauptkommissar Daniel Voss vorweist.

„Waidmannstod“ ist eine Geschichte, die mit Spannung und einer Vielzahl an potenziellen Tätern den Rätsel-Instinkt des Lesers herausfordert und außerdem weit über den Tellerrand des eigentlichen Kriminalfalls hinausblickt. Maxim Leo kommt dabei vollständig ohne Längen aus, die beim Publikum für Ermüdungserscheinungen sorgen könnten. Letztlich sind die 288 Seiten viel zu schnell gelesen. Doch es besteht Hoffnung auf weitere Morde in der Mark Brandenburg (Natürlich nur literarisch!): Der Untertitel des Buches: „Der erste Fall für Kommissar Voss“ deutet darauf hin, dass weitere folgen werden. Hoffentlich!

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Zum Buch auf http://www.amazon.de: „Waidmannstod“

Zum Wikipedia-Eintrag über den Autor: Maxim Leo

Zur Homepage des Verlags: Kiepenheuer & Witsch

Frisch rezensiert: „Totenleuchten“ von Klara Nordin

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Lehrreicher Lappland-Krimi

Sterne: 4 von 5

Im schwedischen Teil Lapplands, am Polarkreis, erreichen die winterlichen Temperaturen nicht selten minus 30 Grad Celsius. Die faszinierenden Polarlichter wiegen die klirrende Winterkälte und die stetige Dunkelheit jedoch auf. Die Samen – das Urvolk Lapplands – allerdings behaupten, die farbigen Lichtstreifen am Himmel seien die Seelen der Toten und kein gutes Omen. Über der Kleinstadt Jokkmokk wabert dieser Tage Anfang Februar das Polarlicht in schillernden Farben. Und dann geschieht ein grausamer Mord, den das chronisch unterbesetzte Polizeikommissariat vor Ort mit Hilfe der neuen Hauptkommissarin Linda Lundin schnellstens aufklären will. Das allerdings ist kein leichtes Unterfangen, denn es gibt gleich mehrere Tatverdächtige und Motive. Außerdem deckt das Team während der Ermittlungen in der vermeintlichen Idylle Ungeheuerliches auf…

Mit ihrem Krimi-Debüt sorgt die unter dem Pseudonym Klara Nordin schreibende Autorin Mitte August für Frösteln und kalte Schauer auf den Rücken ihrer Leser. Die Deutsche lebt bereits seit 13 Jahren in Schweden. Ihren Heimatort Jokkmokk hat sie in „Totenleuchten“ eiskalt in einen Tatort verwandelt. Genau das lässt den Krimi authentisch wirken. Mit ihren Schilderungen über das Leben, die Traditionen und den Aberglauben der Samen gewährt Klara Nordin lehrreiche Einblicke in das Leben dieses interessanten Volkes. Die gesellschaftlichen Spannungen zwischen Schweden und Samen lässt sie dabei nicht unerwähnt.

Obwohl „Totenleuchten“ ein wenig zögerlich anläuft, erreicht dieses Buch doch rasch den Punkt, an dem man einfach manisch weiterlesen muss. Einige Eckpunkte der Geschichte sind zwar vorhersehbar, aber das Rätsel, wer das Opfer – einen 19-jährigen Jungen – an seinem Geburtstag bestialisch ermordet hat, wird erst am Schluss gelöst. Klara Nordin schreibt durchweg angenehm und ohne Längen. Ihre beeindruckenden Schilderungen von Land und Leuten katapultieren den Leser geradewegs in den hohen Norden. Auch ihre Charaktere, vor allem die Polizisten Linda, Bengt und Margareta sind präzise ausgefeilt. Sie alle haben an persönlichen Schicksalen zu knabbern, die zwar angesprochen, aber nicht zum Hauptthema gemacht werden. Für Auflockerung sorgen die alten Damen Josefina und Maja, die sich permanent streiten. Diese beiden sind eine echte Bereicherung für das Buch. Auf ein Wiedersehen mit den betagten Streithennen darf man hoffen, denn Klara Nordin schreibt bereits an einem zweiten Fall für das Ermittler-Trio Linda, Margareta und Bengt.

Fazit: Wer bei einer spannenden Krimierzählung voll nordischer Atmosphäre und mit charakterstarken Figuren eine fremde Kultur kennenlernen will, ist mit „Totenleuchten“ sehr gut beraten!

Totenleuchten

© Kiepenheuer & Witsch

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Zum Buch auf http://www.amazon.de: „Totenleuchten“

Zum Blog der Autorin: Klara Nordin

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Frisch rezensiert: „Lisa heißt jetzt Lola und lebt in der Stadt“ von Romy Hausmann

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Derb, frech, ernsthaft – ein außergewöhnlicher Roman

Sterne: 5 von 5

Lisa Berner – nicht gerade ein Name wie Donnerhall. Und auch alles andere in Lisas Leben ist wenig glamourös: Als Fleischereifachverkäuferin fristet die 25-Jährige ein bemitleidenswertes Dasein in einem niederbayerischen Dorf, das sie „Shittingen“ nennt. Gemeinsam mit ihrer herrischen Oma und dem schweigsamen Vater lebt sie unter einem Dach, seit sich ihre Mutter vor zwanzig Jahren das Leben nahm. Kein Wunder, dass Lisa davon träumt, Lola zu heißen und die Welt zu entdecken. Und so verschlägt es das Landei eines Tages urplötzlich nach München…

„Lisa heißt jetzt Lola und lebt in der Stadt“ ist der Debütroman der Autorin Romy Hausmann. Und was für einer: Derb und frech erzählt sie eine rasante Geschichte – beinahe eine Art bayerisches Roadmovie – und steigt doch dank der Tiefe in ihrer Erzählung elegant über das Etikett „unterhaltsame Frauenliteratur“ hinweg. Denn trotz allen Humors, der auch gerne ins Satirische gleitet, schlägt Romy Hausmann auch ernsthafte Töne an und mutet Lisa einiges zu.

Die Figuren ihres Romans sind mindestens so unterhaltsam wie die ganze Geschichte: Romy Hausmann zündet ein wahres Feuerwerk aus skurrilen Protagonisten, die man einfach mögen muss. Allen voran natürlich Lisa, die aus ihrer Sicht mit ziemlich derben Worten gleichzeitig die Erzählerin des Romans ist. Der Name des ersten Kapitels, „Von der Groben“, trifft die Beschreibung der Hauptdarstellerin hervorragend. Lisa würde wohl sagen: „Das passt wie Arsch auf Eimer.“ 🙂

Ja, ich bin wirklich begeistert von diesem erfrischend anderen Roman und empfehle ihn nur zu gern allen Leserinnen und Lesern, die starke Charaktere mögen, deftigen Humor zu schätzen wissen und bereit sind, in einer temporeichen Story mit einem guten Schuss Ernsthaftigkeit regelrecht zu versinken. Romy Hausmann schreibt außergewöhnlich – außergewöhnlich gut und herrlich unterhaltsam. Ich hoffe inständig, dass diese Autorin auch in Zukunft noch ganz viele wunderbare Geschichten erzählt!

Lisa heißt jetzt Lola und lebt in der Stadt

© Heyne Verlag

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Zum Profil der Autorin bei der Verlagsgruppe Random House: Romy Hausmann

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