Veröffentlicht in Absolute Schätze

Frisch rezensiert: „Falsch erzogen“ von Mona Krassu

Eindringlicher Roman über Zwangsdiziplinierung junger Frauen in der DDR

Meine Bewertung:  ★★★★★

© Edition Outbird

Solveig ist ein ganz normales Mädchen, das in der DDR aufwächst. Vater, Mutter, Schwester – ein bürgerliches Leben durch und durch. Und doch spürt sie, dass sie anders ist. Dass sie raus will aus diesem engen, spießigen Korsett. Allerdings wird dieser Drang nach Freiheit für Solveig einschneidende Folgen haben …

Die in Gera lebende Autorin Mona Krassu verleiht ihrer Protagonistin in einer beeindruckenden Mischung aus kindlicher Naivität und Unsicherheit eine Stimme. Kurze, prägnante Sätze dominieren den ersten Teil der Geschichte, in denen man die vielen Fragezeichen, die sich bei Solveig auftun, wenn sie es mit der Welt der Erwachsenen zu tun hat, förmlich fühlt. Mona Krassu macht mit Worten die Einsamkeit eines Kindes spürbar, das auf seine Fragen keine Antworten erhält. Gewalt und das Einschließen sind für die genervten Eltern probate Mittel zur Bestrafung und haarsträubende Methoden zugleich, um sich Ruhe vor Solveigs neugierigen Fragen zu verschaffen. Zu ihrem Vater hat sie ein ambivalentes Verhältnis. Solveig muss auf seine Anweisung hin Schnaps trinken. Außerdem schlägt er sie. Im Verlauf der Geschichte wird der Ton harscher und ihre Eltern nennt Solveig fortan nicht mehr „Mutti“ und „Paps“, sondern merklich distanzierter „Mutter“ und „Vater“.

Der zweite Teil handelt von Solveigs Entwicklung vom Mädchen zur Frau. Das spiegelt sich auch sprachlich wider. Die kindliche Logik wird abgelöst von der Genugtuung, auf viele Fragen endlich Antworten zu erhalten. Solveig rebelliert, reißt aus und schwänzt die Schule. Die Ehe der Eltern zerbricht. Währenddessen sucht Solveig Halt bei Männern und verliebt sich unglücklich. Sie hört Westmusik, bastelt sich ein Armband mit Udo Lindenbergs Namen und läuft immer öfter davon.

All das ist Hartmut, dem neuen Lebensgefährten der Mutter, ein Dorn im Auge. Noch ahnt Solveig nicht, dass Hartmut als treu ergebener Diener des Regimes die Macht hat, das unangepasste Mädchen von der Bildfläche verschwinden zu lassen.

Mona Krassu blickt in ihrem 454 Seiten starken Roman „Falsch erzogen“ hinter die sorgfältig verschlossenen Türen der einstigen sogenannten „Tripperburgen“ in der DDR. Das waren geschlossene Krankenanstalten, in denen offiziell junge Frauen mit Geschlechtskrankheiten behandelt werden sollten, die in Wahrheit jedoch dazu dienten, aufmüpfige Mädchen und Frauen zu bestrafen und zu disziplinieren.

Es ist unschwer zu erkennen, dass die Autorin ehrgeizig und detailliert für ihren Roman recherchiert hat. Sie hat Gespräche mit Zeitzeuginnen geführt und Sachbücher zu diesem Thema studiert.

Mit „Falsch erzogen“ wurde von Mona Krassu ein mutiges Buch geschrieben, das sich mit seinen starken Figuren und dem eindringlichen Schreibstil wie ein Pfeil direkt ins Herz bohrt und lange im Kopf bleibt.

→ Interessante Links

Zum Buch auf der Homepage des Verlags: „Falsch erzogen“

Zum Buch bei Amazon.de: „Falsch erzogen“

 

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